Wann haben wir aufgehört, selbst zu schreiben?

25.05.2026 | 4 Min. Lesezeit
von Silvan Maaß in Sprache
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Irgendetwas stimmt beim Lesen nicht mehr. Wenn ich bei LinkedIn so durch die ganzen neuen Posts oder Kommentare scrolle, klingt alles gleich. Nicht gleich im Sinne von "gleiche Meinung", sondern kaum ein Satz klingt mehr, als hätte ihn jemand selbst gedacht und geschrieben. Überall findet sich der gleiche Aufbau. Überall liest man die gleichen unverbindlichen Formulierungen, die nach viel klingen, aber wenig sagen. KI-generiert halt.

Als das Internet noch nach Mensch roch

Ich erinnere mich an Foren aus den frühen 2000ern. An Kommentarspalten, in denen sich echte Menschen mit echten Rechtschreibfehlern echte Meinungen um die Ohren gehauen haben. Jemand schrieb "du hast doch keine ahnung!!" mit zwei Ausrufezeichen und alles kleingeschrieben. Man wusste sofort, dass da ein Mensch schreibt, der gerade leicht gereizt ist. Vielleicht hatte er einen schlechten Tag. Vielleicht hat er auch einfach recht gehabt.

Diese Texte hatten Temperatur. Sie waren manchmal falsch, manchmal brillant, oft beides gleichzeitig. Sie hatten Eigenarten. Jemand hat immer "desweiteren" als ein Wort geschrieben. Ein anderer hat jeden zweiten Satz mit "Ich meine ja nur" eingeleitet, obwohl er offensichtlich sehr viel mehr gemeint hat als "ja nur". Das war echt. Das war menschlich. Das war manchmal nervig, aber es war nie austauschbar.

Heute? Heute ist alles glatt. Poliert. Bedenkenlos.

Der Aufstieg der Formulier-Maschinen

Es fing harmlos an. Erstmal nur ein paar Leute, die sich beim Verfassen von E-Mails helfen ließen. Dann Produktbeschreibungen. Dann LinkedIn-Posts. Dann Bewerbungsanschreiben, die plötzlich alle dieselben "leidenschaftlich engagierten Teamplayer mit ausgeprägter Kommunikationsstärke" vorstellten. Und irgendwo auf dem Weg dahin hat die Welt aufgehört, sich die Frage zu stellen, ob das eigentlich eine gute Idee ist.

Was dabei verloren geht, lässt sich schwer in Daten ausdrücken. Aber es ist spürbar. Täglich!

Die Tyrannei des perfekten Satzes

Hier ist das eigentliche Problem: KI-generierte Texte sind meistens nicht schlecht. Das wäre einfacher. Wenn sie offensichtlich Unsinn produzieren würden, würde man sie sofort erkennen und ignorieren. Aber sie wirken kompetent und beantworten immer ganz brav die Frage, die gestellt wurde. Das machen sie in einer stets ordentlich strukturiert Weise und frei von Tippfehlern.

Und genau das macht sie so erschöpfend.

Ein Mensch, der etwas schreibt, bringt immer etwas mit, das in keinem Prompt steckt: Ob es seine spezifische Verstimmung beim Schreiben ist, die Assoziation, die ihm beim dritten Kaffee gekommen ist oder die leichte Ungeduld, wenn er das Thema eigentlich schon dreimal erklärt hat. Diese Dinge formen Texte. Sie machen sie unberechenbar und manchmal widersprüchlich. Aber sie machen sie lebendig!

KI bringt davon nichts mit. Sie optimiert auf Kohärenz, auf Reibungslosigkeit. Und Reibungslosigkeit ist das Ende jedes interessanten Gesprächs.

Was uns das über uns selbst sagt

Ich will jetzt nicht so tun, als wäre das alles nur das Problem der KI. Das wäre bequem. Aber es wäre falsch. Die eigentliche Frage ist, warum so viele Menschen so bereitwillig aufgehört haben, ihre eigenen Gedanken aufzuschreiben.

Ein Teil der Antwort ist schlicht Zeit. Wer zwanzig E-Mails am Tag schreiben muss, ist irgendwann dankbar für jede Abkürzung. Das ist verständlich. Ein anderer Teil dürfte die Angst sein. Angst vor Fehlern, vor Missverständnissen, davor, dass der eigene, etwas chaotische Gedankengang nicht "professionell" genug wirkt. Und da schließt sich der Kreis: Die KI produziert einen Text, der sicher ist. Nicht mutig, nicht persönlich, nicht überraschend. Aber sicher.

  • Niemand beschwert sich über zu viel Struktur.
  • Niemand fragt nach, was mit dem zweiten Absatz gemeint war.
  • Und niemand erinnert sich morgen noch daran.

Eine kurze Verteidigung des Chaos

Es gab eine Zeit, da galt ein verschachtelter, zu langer Satz mit einem leicht fragwürdigen Komma als stilistisches Versehen. Heute gilt er als Beweis, dass ein Mensch dahintersteckt. Das ist vielleicht der krasseste Kulturwandel der letzten Jahre, und er ist so leise passiert, dass die meisten ihn gar nicht bemerkt haben.

Ich fange an, Rechtschreibfehler zu schätzen. Nicht aus Gleichgültigkeit, sondern weil sie Zeugen sind. Ein Mensch hat diesen Text selbst getippt. Vielleicht mit Daumen auf dem Handy, in der U-Bahn, halbabgelenkt. Jemand hat sich die Mühe gemacht, einen eigenen Gedanken in die Welt zu setzen, ohne vorher ChatGPT zu fragen.

Wo das hinführt

Ich mache mir keine Sorgen, dass KI die Menschheit ersetzt. Solche Debatten sind meistens größer als das eigentliche Problem. Was mich beschäftigt, ist etwas Kleineres und gleichzeitig Grundlegenderes: dass wir verlernen, in Texten Spuren zu hinterlassen. Dass Kommunikation zunehmend zu einer Art Formularausfüllen wird, bei dem es darum geht, korrekt zu sein und nicht ehrlich.

Sprache war immer mehr als Informationsübertragung. Sie war Persönlichkeit. Schlechte Witze oder Übertreibungen, die man gar nicht so gemeint hat. Das Zögern vor einem schwierigen Satz. Der Witz, der aus einer Laune heraus entstanden ist und den man sich eigentlich hätte verkneifen sollen, es aber nicht getan hat.

All das filtert die KI raus. Weil es "nicht zielführend" ist. Weil es "vom Kerninhalt ablenkt".

Aber es ist der Kerninhalt. Das ist der ganze Punkt.

Was bleibt

Am Ende ist das hier natürlich auch nur ein Artikel. Vielleicht habt ihr euch beim Lesen gefragt, ob ich das selbst geschrieben habe. Das ist eine faire Frage, und ich finde es bemerkenswert, dass sie überhaupt gestellt werden muss.

Schreiben war immer eine Form, sich zu zeigen. Unvollständig, manchmal unbeholfen, aber echt. Und ich vermisse das. Nicht als nostalgischen Reflex, nein, sondern als echten Verlust. Wir haben angefangen, uns hinter glatten Formulierungen zu verstecken und nennen das dann Effizienz...

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