Früher waren es Diktatoren, die Wörter verbannten. Heute ist es TikTok. Instagram. YouTube. Ihre Algorithmen haben eine Liste von "problematischen" Wörtern. Wer diese nutzt, dessen Content wird unsichtbar gemacht. Shadowban nennt sich das. Dein Post verschwindet einfach, ohne dass du es merkst.
Die neue Geheimsprache des Internets
Die Lösung der Creator? Algospeak. Damit umgehen sie die Zensur der Maschinen.
"Seggs" statt "Sex". "Le Dollar Bean" statt "lesbisch". "Corn" statt "Porn". Weil sonst Alarm ausgelöst wird. Es klingt komplett bescheuert. Genau das ist es auch.
Aber es funktioniert. Die Algorithmen sind darauf trainiert, bestimmte Buchstabenkombinationen zu erkennen. Ändere die Schreibweise und du fliegst unter dem Radar durch. Wie ein Spion, der mit Geheimcode kommuniziert. Nur das der Feind hier keine ausländische Macht ist, sondern eine KI von Meta oder ByteDance.
Emojis als trojanische Pferde
Noch raffinierter wird's mit Emojis. 🌽 für Porn. ❄ für Kokain. 🍑🍆 - okay, das ist selbsterklärend. Die Symbolsprache ist zurück, aber nicht als ägyptische Hieroglyphen, sondern als Überlebensstrategie im digitalen Kapitalismus.
Das Irre: Die Algorithmen lernen natürlich mit. Sie werden schlauer, erweitern ihre Blacklists. Also müssen auch die User kreativer werden. Ein evolutionäres Wettrüsten zwischen Mensch und Maschine, bei dem sich die Menschen selbst verstümmeln.
"Meine Vater hielt vor zwei Wochen eine Präsentation über R@ssismus", schreibt ein 16-Jähriger. Wenn er "Rassismus" schreibt, sehen seine Follower den Post eventuell nicht, denn der Algorithmus stuft den Begriff als "negativen Inhalt" ein, der nicht gut für's Engagement ist.
Die unsichtbare Hand, die unsere Sprache formt
Hier passiert etwas Fundamentales: Eine Maschine bestimmt, wie wir kommunizieren dürfen. Und wir akzeptieren das.
Die Zensur hat gewonnen, wenn die Zensierten die Schere im Kopf haben und sich freiwillig verstümmeln.
Und das Perfide: Die Plattformen tun so, als würden sie das zum Schutz der User machen. Aber eigentlich geht es nur um Geld. "Brand Safety" ist das Stichwort. Denn Werbekunden wollen nicht neben Posts über Tod, Sex oder Drogen auftauchen. Also werden diese Themen durch Wörter-Blacklists einfach unsichtbar.
Das Ergebnis? Eine desinfizierte, werbefreundliche Digitalwelt, in der echte menschliche Erfahrungen - Trauer, Sexualität, Krankheit, Konflikt - nur noch in verstümmelter Geheimsprache ausgedrückt werden können.
Wenn die Maschine bestimmt, was sagbar ist
"Noods" - rate mal, was das bedeutet. Klingt nach Nudeln, oder? Falsch, aber na ja, irgendwie auch richtig. Es ist die neue Umschreibung für "Nudes" - also Nacktbilder. Weil nackte Haut absolute Höchststufe auf der Algorithmus-Verbotsliste genießt.
"Buchhalter*innen" ist der neue Code für "Sexarbeiter*innen". Weil SAs auf TikTok sofort gebannt werden, behaupten sie einfach, sie seien Buchhalter*innen. "Yeah, ich bin Buchhalterin" - zwinkerzwinker - und jeder weiß Bescheid. Außer der Algorithmus.
Es ist kafkaesk. Wir leben in einer Welt, in der wir nicht mehr klar kommunizieren dürfen, was wir aussprechen wollen. Stattdessen: Geheimsprache in Form von Wörtern oder Emojis. Crazy times!
Die Sprache wird unleserlich für Außenstehende. Wer nicht Teil der Online-Communities ist, versteht nur noch Bahnhof. "Le dollar bean corn". Was zum Teufel? Für Algorithmus-Flüsterer klar: Lesbian porn. Für deine Eltern: Komplettes Kauderwelsch.
Die Rache der Maschinen: Misinterpretationen
Und dann geht's schief. Glorreich schief. Ein Food-Blogger postet ein Video über Mais-Rezepte. Benutzt das Emoji 🌽. Plötzlich: massive Views. Von sehr spezifischen Accounts. Bis er checkt: Die Porn-Community denkt, er macht Content für sie. Der Algorithmus auch.
Oder umgekehrt: Jemand macht tatsächlich Adult-Content, benutzt alle erdenklichen Codes, tarnt sich perfekt und wird trotzdem gebannt. Weil die KI inzwischen gelernt hat, dass "seggs" eigentlich... na ja.
Das System ist kaputt. Und wir tanzen den Tanz trotzdem mit.
Die Zukunft: Noch absurder! Es wird weitergehen. Die Codes werden komplexer. Vielleicht sprechen wir in fünf Jahren in kompletten Emoji-Hieroglyphen. Oder in Zahlen-Buchstaben-Kombinationen wie "D3@th" und "S3x". L33t-Speak kommt zurück, aber nicht als Nerd-Kultur, sondern als Notwendigkeit.
Oder - dystopischer Gedanke - wir akzeptieren Algospeak einfach. Sprechen nur noch in werbefreundlichen Euphemismen. Sterilisieren unsere Kommunikation komplett, bis sie so glatt und harmlos ist wie ein Ikea-Katalog.
"Meine Oma hat den Betriebsmodus biologisch aktiv leider dauerhaft verlassen" statt "Oma ist gestorben". Klingt wie aus einer Science-Fiction-Satire. Ist aber die logische Konsequenz dessen, was gerade passiert.
Was wir dabei verlieren
Sprache ist Macht. Sprache formt Gedanken. Und wenn wir unsere Sprache verbiegen, damit Maschinen uns dulden, geben wir diese Macht ab. Freiwillig.
Wir können nicht mehr klar benennen, was ist. Nicht mehr direkt aussprechen, was weh tut, was wichtig ist, was real ist. Stattdessen: Codewörter, Umschreibungen, Geste-Emojis.
Die Ironie: Soziale Medien sollten uns freier machen. Jeder eine Stimme. Demokratisierung der Kommunikation. Stattdessen haben wir neue Herrscher - Algorithmen - die strenger zensieren als jede Regierung es je könnte. Und wir merken es kaum, weil die Ketten aus Code sind und nicht aus Stahl.