Neologismus & Wortneuschöpfung

In dieser Kategorie ist Platz für Wortneuschöpfungen, sogenannte Neologismen. Darüber hinaus klären wir auf, was unter diesem Begriff genau zu verstehen ist, wie er entstanden ist und welche Wirkung er hat. Was Ihr hier sonst noch erfahren könnt, verrät Euch das folgende Inhaltsverzeichnis.

1. Definition: Was ist ein Neologismus (Stilmittel)?

Sprache lebt durch Menschen. Sie ist ein Gebilde, das ständigem Wandel unterworfen ist und sich an Veränderungen anpasst. Es entstehen immer wieder neue Wörter. Aber gleichzeitig verschwinden auch Worte. Neologismen spielen hierbei eine wesentliche Rolle.

Der Begriff Neologismus wird auch als "Wortneuschöpfung" bezeichnet und umfasst Neuwörter sowie Neubedeutungen und Neukombinationen von Worten. Somit werden Neologismen zum Bestandteil jeder sich stets verändernden, lebendigen Sprache. Neuschöpfungen entwickeln sich zu einer Stilfigur des Neologismus, bei deren folgender Bezeichnung erkennbar wird, worum es hier geht.

Neologismen werden als grundlegendes Stilmittel in der Literatur und im Alltag verwendet, um verschiedene Wirkungen zu erzielen.
In der deutschen Sprache findet die Bildung von Neologismen meistens durch schon vorhandene Elemente statt, welche auf eine neue Art und Weise miteinander verbunden werden. In anderen Fällen erfolgt eine direkte Neuübertragung der Bedeutung von Worten.

Findet ein Neuwort in einer Sprache Verbreitung, wird es durch die Wörterbücher aufgenommen, die den Wortschatz der Sprache widerspiegeln. Ein charakteristisches Merkmal für Neologismen ist, dass die Sprecher einer Sprache dieses Wort für eine bestimmte Zeit als neu wahrnehmen. Welche Worte zu den Neologismen zählen, ist davon abhängig, zu welchem Zeitpunkt der Wortschatz einer Sprache betrachtet wird.

Das Institut für Deutsche Sprache (IDS) sammelt seit 1991 Neologismen. Dort werden jährlich große Mengen von Text ausgewertet, woraus am Ende eines Jahres eine jeweils neue Zusammenstellung gesellschaftlich bedeutender Neologismen veröffentlicht wird, die auch in unserer Neologismen Liste zu finden ist.

2. Welche Typen von Neologismen gibt es?

Neologismen umfassen verschiedene Arten von Stilfiguren. Welche Typen von Neologismen es gibt, ist davon abhängig, wie die Neuschöpfungen gebildet werden. Im Einzelnen unterscheidet man die folgenden drei Typen.

2.1 Neuwörter

Neuwörte umfassen Neologismen, die vorher noch gar nicht existiert haben. Sie sind auch nicht in einer ähnlichen Form vorhanden.

2.2 Neubedeutungen

Neubedeutungen sind Worte, die schon existiert haben, aber jetzt eine neue Bedeutung erhalten. Ein charakteristisches Beispiel ist die Bezeichnung "Maus". Früher wurden nur Tiere als "Maus" bezeichnet, während heute überwiegend von einem technischen Gerät gesprochen wird.

2.3 Neue Kombinationen

Neukombinationen entstehen aus Worten, die schon vorher existierten. Diese werden miteinander verbunden, woraus ein neues zusammengesetztes Wort, eine neue Kombination entsteht. Ein Beispiel für eine Neukombination ist das Wort "Laptoptasche".

3. Wo entstehen Neologismen?

Neologismen entstehen in den unterschiedlichsten Bereichen. Einige davon zeigen wir nun auf.

3.1 Digitalisierung (Internet bzw. Social Media)

Viele Bezeichnungen kommen aus dem Internet bzw. den sozialen Medien, wo bereits eine Vielzahl verschiedener Begriffe vertreten sind. Manche sind vertraut und andere weniger. Beispiele hierfür sind:

  • Virtual Reality, die computergesteuerte Simulation von Bildern oder künstlich geschaffener Umgebungen, die eine scheinbar reale Erfahrung für eine Person erzeugt.
  • Künstliche Intelligenz, also die Weiterentwicklung von Computersystemen, die mit Aufgaben betraut werden, welche zuvor eine menschliche Intelligenz erforderten.
  • "Maschinelles Lernen", die als Zweig der künstlichen Intelligenz ermöglicht, dass maschinelle Systeme Daten erlernen, Muster erkennen und Entscheidungen treffen.
  • Avatare als grafische Darstellung von Personen in Filmen oder Spielen.
  • Big Data als Verwendung von Datensätzen, die Muster und Assoziationen zeigen, um daraus menschliche Verhaltensweisen und Interaktionen herzuleiten.

Weitere Bekannte Begriffe sind "googeln" für das Recherchieren im Internet mit der Suchmaschine Google, "twittern", für die Bekanntgabe von Nachrichten über die Plattform Twitter, "tindern" für das Kennenlernen von Leuten durch die Dating-App Tinder oder "liken" für eine positive Bewertung bei Facebook.

3.2 Fremdsprachen

In der deutschen Sprache befinden sich zahlreiche Wörter, die ursprünglich aus dem Englischen kommen. Schon 1941 fand das Wort "Camping" Einzug in den Duden. "Laptop" fand 1991 Einzug in die deutsche Sprache. Weitere Beispiele sind "traden" für das Handeln von Wertpapieren an der Börse oder "flashen", also das sich begeistern für etwas.

3.3 Gesellschaft und Politik

Neologismen liefern auch in Gesellschaft und Politik Begriffe, die neue Situationen beschreiben oder sie kritisieren und bieten daher eine gute Übersicht über die Situation in der sich eine Gesellschaft befindet. Die Einführung des Begriffs "Gendersternchen" sollte die geschlechtergerechte Sprache vereinfachen.

Schon länger bestehende Neologismen sind die Begriffe "Ostalgie", was für die DDR und der Erinnerung an das Leben in der DDR steht, "Entschleunigung", die bewusste Verlangsamung einer Entwicklung oder "Brexit", das Kurzwort für den Ausstieg von Großbritanniens aus der EU. Weitere aktuelle Bezeichnungen sind "Mikroplastik" und "Erderwärmungstag", die jeweils auf Umweltzerstörung und den Klimawandel hinweisen sollen. "Mikroplastik" steht für Plastikteile, die kleiner als fünf Millimeter sind und in die Nahrungskette gelangen können. Der "Erderwärmungstag" bezeichnet den Tag eines Jahres, an dem an den Klimawandel gedacht wird.

3.4 Jugendsprache

Zahlreiche Neologismen kommen aus der Jugendsprache. Die bekanntesten sind Worte wie "chillig", "nice" oder "hartzen". Aus dem Kiezdeutsch von Jugendlichen mit Migrationshintergrund haben sogar arabische Elemente (Arabismen) den Weg in die deutsche Sprache gefunden. Beispiele sind "yallah" für "auf, los" oder "Chabo" für "Junge".

3.5 Werbung

Auch in der Werbung finden sich häufig Neologismen, die den Vorteil bieten, bereits bekannte Worte mit neuen Assoziationen in Verbindung zu bringen. Bekannte Bezeichnungen aus der Waschmittelwerbung sind "porentief rein" oder "aprilfrisch". Bekannt ist auch die Werbung mit der "längsten Praline der Welt", die bei einer Partnerwahl hilfreich war und dazu das Neuwort "Duplomatie" verwendete. Dieses Wort gibt es nicht, dennoch ist es dem Wort "Diplomatie" sehr ähnlich und die Werbetreibenden verhelfen dem "Duplo-Werbespot" zu einer originellen Note.

Durch das Internet treten weitere Neologismen auf. Man bedenke bspw. den Slogan "ich parshippe jetzt". Hierbei wird die englische Bezeichnung für "Partnerschaft" als neues Verb verwendet.

4. Welche Funktion und welche Wirkung haben Neologismen?

Neologismen haben verschiedene Funktionen und Wirkungen, die wir im Folgenden aufzeigen.

4.1 Neuartiges benennen

Die Hauptfunktion eines Neologismus ist die positive Darstellung eines oder mehrerer neuartiger Phänomene. Neologismen schaffen somit neue Bezeichnungen, die von der Umwelt und ihrer Menschen abhängig sind. Aber sie entstehen nicht nur zur Beschreibung neuer Phänomene, sondern auch zur besseren Wahrnehmung bereits bestehender Dinge. Durch den Neologismus kann ein bestimmtes Ereignis oder ein Umstand durch eine sprachliche Veränderung mittels eines Neuwortes positiver dargestellt werden. Somit wird ein Neologismus gezielt verwendet, um eine bekannte Bezeichnung zu ersetzen. Sie sind dort zu finden, wo etwas Neuartiges bekannt werden soll rsp. muss.

4.2 Aufmerksamkeit erregen

Neue Worte werden in Texten bewusst eingesetzt, um eine bestimmte - meist positive - Wirkung zu erzielen. In Werbetexten sollen diese Neuworte die Aufmerksamkeit der Kunden gewinnen. Werbetreibende möchten dadurch signalisieren, etwas Neuartiges auf den Markt gebracht zu haben. Neue Wörter ermöglichen, die mit einem neuen Produkt verbundenen Versprechen, besonders gut auszudrücken. Somit werden bereits bestehende Worte durch neue Kombinationen positiv bewertet. Auch in anderen Zusammenhängen findet sich dieses Stilmittel wieder. Heute spricht man nicht von einer Putzfrau, sondern einer Reinigungsfachkraft. Diese Aufwertung der Berufsbezeichnung ist ein Stilmittel, um ein und dieselbe Tätigkeit aufzuwerten.

4.3 Positive & negative Werte schaffen

Mit Neologismen lassen sich positive Werte schaffen. Sie können aber auch das Gegenteil bewirken, indem sie negative Assoziationen erzeugen. Es gibt Wortneuschöpfungen für Phänomene, die eine Wertung hervorrufen, welche in dem ursprünglichen Begriff noch nicht vorhanden war. Das heißt, ein schon bestehendes Wort wird durch ein neues Wort umgedeutet und negativ assoziiert. Die Verwendung von Neologismen zur Darstellung einer negativen Wertung wird häufig bei propagandistischen Motiven verwendet. Schriften oder Reden, die von ihrem Leser eine ganz bestimmte Denkart erwarten oder ihm diese aufdrängen wollen, verwenden häufig negative Neologismen. Beispiele hierfür sind die Reden von Diktatoren, die andere Gesellschaftssysteme kritisieren, um die eigene Ideologie positiv darzustellen.

4.4 Bedeutung einer Aussage oder eines Textes nuancieren

Die Bezeichnung "nuancieren" kommt aus dem Französischen und bedeutet, "abstufen" oder "kaum merklich" ändern. Mit Hilfe von Neologismen lässt sich also die Intensität von Ausdrucksweisen abstufen bzw. ändern. Setzt man einen Neologismus bspw. gezielt in einer Rede ein, lassen sich hiermit bestimmte Passagen "schärfer" formulieren, um z. B. eine Spur der Vorsicht oder Misstrauen beim Zuhörer hervorzurufen.

4.5 Die literarische Sprache von der Alltagssprache abheben

Der Neologismus bildet in der Literatur eines der grundlegenden stilistischen Mittel. Er wird von Schriftstellern verwendet, um einen eigenen, individuellen Stil hervorzuheben und die Sprache der Literatur von der Alltagssprache zu differenzieren. In der Fantasy-Literatur oder in Science-Fictions erhält die Sprache dadurch einen fantastischen Inhalt, der sich deutlich von der übrigen Sprache abhebt.

5. Wie werden Neologismen gebildet (Beispiele)?

Neologismen werden auf ganz unterschiedliche Weise gebildet. Wir zeigen wie sie entstehen und liefern passende Beispiele dazu.

5.1 Komposition

Komposition bedeutet die Zusammenfügung vorher eigenständiger Wörter zu einem.

5.2 Derivation

Derivation steht für "Ableitung", also die Bildung neuer Wörter aus einem Ursprungswort durch Verwendung eines Affixes.

5.3 Abkürzungen

Abkürzungen werden aus ursprünglich ganzen Worten gebildet.

5.4 Eindeutschung

Bei der Eindeutschung werden Fremdwörter, die aus anderen Sprachen kommen, sozusagen in den alltäglichen Gebrauch der deutschen Sprache "eingedeutscht". Das Wort selbst bleibt bestehen, wird jedoch in seiner Schreibung der deutschen Laut-Buchstaben-Zuordnung angepasst.

5.5 Bedeutungsverlagerung

Hier erhält ein ursprüngliches Wort eine neue Bedeutung.

5.6 Kontamination

Bei einer Kontamination wird ein Wort aus zwei bestehenden Worten neu zusammengesetzt wobei ein Teil der beiden Wörter getilgt (gelöscht) wird.

5.7 Verballhornung

Verballhornung beinhaltet die Neubildung bekannter oder nicht bekannter Wörter und Redensarten. Hier entstehen bewusst oder unbewusst Verzerrungen

6. Welche Abgrenzungen zu anderen Stilmitteln gibt es?

Der Neologismus grenzt sich von anderen Stilmitteln ab. Welche das sind, erfahrt Ihr nun.

6.1 Okkasionalismen

Nicht jede Wortneuschöpfung wird automatisch zu einem Neologismus. Neologismus liegt erst dann vor, wenn das Wort bekannt wird, also wenn es öfter gelesen oder gehört wurde.

Worte, die zwar Neuschöpfungen sind, aber im Alltag noch nicht bekannt wurden, werden als Okkasionalismen bezeichnet. Ein Okkasionalismus ist sozusagen eine Vorstufe des Neologismus. Solche neuen Wörter werden oft als Stilmittel in Texten verwendet, um einen Text zu etwas Besonderem zu machen und um Aufmerksamkeit zu erzeugen. Ebenso benutzen Autoren bewusst neue Wörter, um ihren Texten Originalität zu verschaffen. Auch hier wollen sie wieder sicherstellen, dass die von ihnen gemachten Aussagen einzigartig sind.
Auch ein Wörterbuch gibt einen Hinweis, ob ein Wort schon Einzug in den Sprachgebrauch gefunden hat. Ist ein bestimmtes Wort nicht in einem aktuellen Wörterbuch zu finden, ist es noch nicht in die Sprache eingegangen.

Auch von Journalisten wird der Okkasionalismus gerne in Überschriften verwendet, um auf den jeweiligen Artikel aufmerksam zu machen. Oftmals werden auch Begriffe des Okkasionalismus in den alltäglichen Sprachgebrauch aufgenommen, wodurch sie zu Neologismen werden.

6.2 Archaismen

Manche Worte sind heute nicht mehr bekannt, weil sie schon lange aus dem deutschen Sprachgebrauch verschwunden sind. Es handelt sich um Wörter, die zwar schon lange existieren, jedoch heute nicht mehr im Gebrauch sind. Hört oder liest man diese Begriffe, erscheinen sie neu. Dies wird als Archaismus bezeichnet. Beispiele sind "Oheim" für "Onkel", "Base" für "Cousine" oder ein "Zögling" für eine Person, die in einem Internat oder Heim erzogen wurde.
Um einen Archaismus vom Neologismus zu unterscheiden, muss jeweils untersucht werden, ob es sich um eine neue Wortschöpfung oder um ein altes, nur nicht mehr bekanntes, Wort handelt.

6.3 Fachwörter

Eine lebendige Sprache ist ein Gebilde aus allgemeinsprachlichen, gruppensprachlichen und fachsprachlichen Worten. Während allgemeinsprachliche Worte den Kernbereich einer Sprache umfassen, finden auch Worte einer Fachsprache Einzug in die Allgemeinsprache. Dies gilt überwiegend für technische Bereiche wie die Telekommunikation und Informationstechnologie. Viele Fachwörter sind jedoch keine Neologismen, weil sie in ihrer jeweiligen Fachsprache schon lange im Gebrauch sind.

6.4 Anglizismen

Bei Anglizismen handelt es sich um Entlehnungen, die aus der englischen Sprache kommen. Wird ein Begriff aus einer anderen Sprache übernommen, also "entlehnt" und geht dieser in die allgemeine Sprache über, wird dies häufig als Neologismen angesehen. Es handelt sich jedoch nicht um Neuschöpfungen oder gar Wortneubildungen, da die entlehnten Begriffe bereits in einer anderen Sprache existent sind. Somit sind Anglizismen keine Neologismen.

Hinweis: In der Praxis gestaltet sich eine Abgrenzung jedoch schwierig. Es muss daher immer analysiert werden, ob es sich bei dem jeweiligen Wort um eine tatsächliche Neuschöpfung handelt.

7. Neologismen Liste