Autor: Silvan Maaß
Im Wörterbuch:
Dialekt, Mundart, dialektisch, Dialektologie, Dialektwörterbuch, dialektal, mundartlich
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Dieser Artikel erklärt...
Wer sich mit der deutschen Sprache und ihrer regionalen Vielfalt beschäftigt, kommt an Dialekten nicht vorbei.
- Hier erfahrt ihr, was ein Dialekt genau ist und wie sich der Begriff vom Mittelalter bis in die Gegenwart gewandelt hat, auch unter dem Einfluss der Nationalsozialisten, die das Wort zeitweise verboten. Es wird gezeigt, wie die deutschen Dialekte geografisch gegliedert sind, von den mitteldeutschen über die oberdeutschen bis hin zu den niederdeutschen Mundarten. Es wird auch dargelegt, wie die erste und zweite Lautverschiebung die dialektale Landschaft Deutschlands bis heute geprägt haben. Außerdem wird erklärt, wo genau der Unterschied zwischen einem Dialekt, einer Sprache und einem Akzent liegt.
Interesse? Dann lies den ganzen Artikel.
Einleitung
Ein Dialekt ist eine regional geprägte Sprachvarietät, die parallel zur Standardsprache existiert und in bestimmten geografischen Gebieten gesprochen wird. Im deutschsprachigen Raum sind die regionalen Unterschiede zwischen Dialekten so ausgeprägt, dass sich ein Fischer aus Stralsund und ein Winzer vom Kaiserstuhl in ihren jeweiligen Heimatdialekten kaum verständigen könnten. Dieser Artikel erklärt: (1) was ein Dialekt ist und woher der Begriff stammt, (2) welche Dialekte im deutschsprachigen Raum existieren, (3) wie sich deutsche Dialekte historisch entwickelt haben und (4) wie sich ein Dialekt von Standardsprache und Akzent unterscheidet.
1. Definition: Was ist ein Dialekt?
Ein
Dialekt - häufig auch als
Mundart bezeichnet - ist ein eigenständiges sprachliches System, das in einer bestimmten Region gesprochen wird und parallel zur Standardsprache existiert. Ein Dialekt kann eine eigene
Grammatik, ein eigenes
Lautsystem (Phonologie), eine eigene
Satzlehre (Syntax) und einen eigenen
Wortschatz (Lexik) aufweisen. Dialekte werden in Schulen nicht unterrichtet. Dort wird ausschließlich die Standardsprache vermittelt.
Der Begriff "Dialekt" leitet sich vom Lateinischen "dialectus" bzw. "dialectos" sowie vom Altgriechischen "diálektos" ab, was wörtlich "Dialekt, Mundart" bedeutet.
2. Dialekt und Mundart - ein historischer Rückblick
Bis zum Ende des Mittelalters war der Dialekt die dominante Alltagssprache der deutschsprachigen Bevölkerung, während das Lateinische den Klerikern, Humanisten und Professoren vorbehalten blieb. Die entscheidende Zäsur in der Geschichte der deutschen Sprachvereinheitlichung brachte Martin Luther (1483-1546): Mit seiner einheitlichen Bibelübersetzung von 1534 stellte sich erstmals die praktische Frage, in welcher überregionalen Sprache ein für alle verständlicher Text verfasst werden könnte. Dieses Interesse teilten auch die Buchdrucker der Zeit, die aus wirtschaftlichen Gründen eine einheitliche Drucksprache bevorzugten.
Der Begriff "Dialekt" selbst wurde in Deutschland zeitweise politisch aufgeladen. Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten 1933 galt das Wort "Dialekt" als unerwünschtes lateinisches Lehnwort. Die Nationalsozialisten ersetzten es durch den Begriff "Mundart", den sie als Symbol volkstümlicher Heimatverbundenheit instrumentalisierten. Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrte der deutschsprachige Raum zum Begriff "Dialekt" zurück. Auch innerhalb der Sprachwissenschaft setzte er sich als etablierter Fachbegriff durch.
3. Dialekte in Deutschland
Dialektsprecher finden sich in allen sozialen Schichten und Bildungsniveaus. Dialekte sind kein Merkmal mangelnder Bildung, sondern regionaler Identität. Als Faustformel gilt: Je kleiner der Wohnort, desto größer der Anteil an Dialektsprechern. In Großstädten ist Dialekt deutlich seltener zu hören als in ländlichen Regionen.
Die deutschen Dialekte sind in ihrer Vielfalt bemerkenswert: Manche Dialekte erstrecken sich über große Gebiete, andere sind nur in wenigen Dörfern lebendig. Selbst innerhalb eines Dialektraums existieren regionale Varianten. "Friesisch" ist beispielsweise nicht gleich "Friesisch", da sich Aussprache und Wortschatz von Ort zu Ort unterscheiden können. Eine gegenseitige Verständigung innerhalb eines Dialektraums ist dennoch meist möglich.
Im 21. Jahrhundert verlieren Dialekte im Alltag zunehmend an Bedeutung, ohne jedoch vom Aussterben bedroht zu sein. Zwei Faktoren begünstigen diese Entwicklung: die flächendeckende Beschulung in der Standardsprache und die wachsende Präsenz von Hochdeutsch in Rundfunk und digitalen Medien. Laut dem Institut für Deutsche Sprache (IDS) weist das Saarland heute den höchsten Anteil an Dialektsprechern auf, gefolgt von Baden-Württemberg und Bayern. Den niedrigsten Anteil hat Brandenburg.
Laut einer Umfrage des Statistikportals Statista aus dem Jahr 2015 gilt Bayrisch als schönster deutscher Dialekt, gefolgt von
Plattdeutsch und Kölsch. Den letzten Platz belegt Sächsisch.
3.1 Gliederung der deutschen Dialekte
Die deutschen Dialekte lassen sich in drei große Gruppen unterteilen: mitteldeutsche, oberdeutsche und niederdeutsche Dialekte. Innerhalb dieser Hauptgruppen
existieren zahlreiche regionale Untergruppen. Die folgende Liste gibt einen strukturierten Überblick als bewusst vereinfachte Orientierungshilfe, da eine vollständige Auflistung
aller regionalen Varianten den Rahmen dieser Darstellung sprengen würde.
- Deutsche Dialekte
- Mitteldeutsche Dialekte
- Westmitteldeutsche Dialekte
- Ostmitteldeutsche Dialekte
- Oberdeutsche Dialekte
- Westoberdeutsche Dialekte (Alemannisch)
- Ostoberdeutsche Dialekte
- Niederdeutsche Dialekte
- Nordniederdeutsch (Nordniedersächsisch)
- Westniederdeutsch (Niedersächsisch)
- Ostniederdeutsch
- Berlinerisch
- Märkisch-Brandenburgisch
- Mecklenburgisch-Vorpommersch
Hinweis zur Gliederung: Diese Übersicht ist eine vereinfachte Strukturierung der deutschen Dialektlandschaft. Viele Regionen weisen weitere lokale Varianten auf, die hier nicht einzeln aufgeführt werden. Die verlinkten Dialekte sollen vor allem ein Gefühl für die in der jeweiligen Region gesprochene Mundart vermitteln.
Über den deutschen Sprachraum hinaus sind außerdem das Schweizerdeutsch - ein alemannischer Dialekt der Deutschschweiz - sowie das österreichische Deutsch als eigenständige Dialektgruppen zu nennen.
4. Die Entstehungsgeschichte der deutschen Dialekte
Die deutschen Dialekte gehen auf zwei historische Lautverschiebungsprozesse zurück, die den germanischen Sprachraum bis heute in Nord und Süd teilen.
Die erste Lautverschiebung - auch "germanische Lautverschiebung" genannt - trennte die frühen germanischen Sprachen (darunter Altnordisch, Altenglisch, Gotisch und Altsächsisch) von den indogermanischen Ursprungssprachen. Verschlusslaute wie b, d und g (lenis) wandelten sich zu p, t, k (fortis); bh, dh und gh wurden zu b, d und g. Dieser Prozess begann schätzungsweise um 1200 v. Chr. und war gegen 300 v. Chr. abgeschlossen. Schriftliche Dokumente aus dieser Zeit sind jedoch rar, weshalb eine präzise Rekonstruktion schwierig bleibt.
Die zweite Lautverschiebung (600-800 n. Chr.) - auch "hochdeutsche Lautverschiebung" - war linguistisch folgenreicher: Sie teilte den deutschen Sprachraum in niederdeutsche und hochdeutsche Dialektgruppen auf. Im Norden Deutschlands wurde diese Lautverschiebung nicht vollzogen. Diese Dialekte gelten seither als Niederdeutsch. Im mitteldeutschen und süddeutschen Raum hingegen entstanden durch die Lautverschiebung die mitteldeutschen und oberdeutschen Dialekte.
Besonders betroffen waren die Konsonanten p, t und k: Das p wandelte sich zu pf bzw. f (aus "Appel" wurde "Apfel"), das t zu z und s. Diese Verschiebung ist bis heute im Sprachgebrauch sichtbar: Im Norden sagen Menschen noch heute "wat", "dat" und "Water". Im Süden und der Mitte heißt es "was", "das" und "Wasser".
Zusätzlich vollzog sich in den mitteldeutschen Dialekten eine Vokalveränderung: Die Monophthonge i, u und ü wandelten sich zu den Diphthongen ei, au und eu. Aus dem mittelhochdeutschen Satz "Min nü hus." wurde dadurch das neuhochdeutsche "Mein neues Haus."
5. Dialekt, Sprache und Akzent - drei wichtige Abgrenzungen
Dialekt, Sprache und Akzent sind drei verwandte, aber klar zu unterscheidende linguistische Konzepte. Die folgenden drei Abschnitte erklären jeden Begriff und grenzen ihn von den anderen ab.
5.1 Ist ein Dialekt eine eigene Sprache?
Ein Dialekt ist keine eigenständige Sprache. Er existiert ausschließlich in der gesprochenen Form und verfügt über keine standardisierte Schriftsprache. Sprachwissenschaftler definieren eine Sprache dann als eigenständig, wenn sie sich von anderen Sprachen so grundlegend unterscheidet, dass eine gegenseitige Verständigung nicht möglich ist, und wenn sie als "ausgebaut" gilt, weil sie über Wörterbücher, Grammatikwerke und eine normierte Schriftform verfügt. Deutsch und Spanisch erfüllen beide Kriterien: Sie haben vollständig verschiedene Grammatiken, Wortschätze und Lautsysteme.
Ein Dialekt hingegen erfüllt diese Kriterien nicht vollständig: Er wird in Schulen nicht unterrichtet, besitzt in der Regel keine kodifizierte Schriftsprache und ist immer an eine übergeordnete Standardsprache gebunden. Er ist eine regionale Varietät des Deutschen und kein eigenständiges Sprachsystem.
5.2 Dialekt und Standardsprache - wo liegt der Unterschied?
Der zentrale Unterschied zwischen Dialekt und Standardsprache liegt in der geografischen Reichweite und dem Geltungsbereich. Dialekte sind regional begrenzt, überwiegend mündlich und auf bestimmte Sprechergemeinschaften ausgerichtet. Die Standardsprache - im Deutschen das Hochdeutsch - ist überregional, schriftlich kodifiziert und in Bildung, Medien und Verwaltung verbindlich. Dialekte haben sich aus den Sprachen der germanischen Stammesverbände entwickelt; die Standardsprache ist das Ergebnis eines langen Vereinheitlichungsprozesses, der mit Luthers Bibelübersetzung seinen Anfang nahm.
5.3 Dialekt und Akzent - was ist der Unterschied?
Ein Akzent beschreibt die lautlichen Gewohnheiten einer Muttersprache, die beim Sprechen einer Fremdsprache übertragen werden - ein Dialekt ist dagegen ein eigenständiges regionales Sprachsystem. Ein französischer Muttersprachler, der Deutsch spricht, bringt die Aussprachegewohnheiten des Französischen mit: Er spricht deutsche Wörter mit französischem Klang. Das ist ein Akzent, keine dialektale Eigenheit. Deutsche Sprecher wiederum sind dafür bekannt, beim Englischsprechen einen erkennbaren deutschen Akzent zu haben, weil bestimmte englische Laute - etwa das stimmhafte [th] - im deutschen Lautsystem nicht vorkommen. Ein Dialekt hingegen ist kein Ausspracheübertrag aus einer anderen Sprache, sondern ein in einer Region gewachsenes, eigenständiges sprachliches System mit eigener Grammatik, eigenem Wortschatz und eigener Phonologie.
6. Drei Fakten, mit denen du sofort als Experte wirkst
Mit diesen Fragen zeigst du beim nächsten Gespräch über Sprache, dass du das Thema wirklich durchdrungen hast:
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Wusstest du, dass laut dem Institut für Deutsche Sprache das Saarland den höchsten Anteil an Dialektsprechern in Deutschland hat - noch vor Bayern und Baden-Württemberg - obwohl Bayern landläufig als das "Dialektland" schlechthin gilt?
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Wusstest du, dass die zweite Lautverschiebung zwischen 600 und 800 n. Chr. bis heute dafür verantwortlich ist, dass Menschen im Norden "wat" und "dat" sagen, während man im Süden "was" und "das" spricht und dass dieser Unterschied auf eine über 1.000 Jahre alte Lautentwicklung zurückgeht?
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Wusstest du, dass der Begriff "Mundart" in Deutschland zwischen 1933 und 1945 politisch instrumentalisiert wurde? Die Nationalsozialisten ersetzten das lateinische Lehnwort "Dialekt" durch "Mundart", um es als Symbol einer "echten Volkszugehörigkeit" zu nutzen. Nach dem Krieg kehrte die Sprachwissenschaft zum Begriff "Dialekt" zurück.
Über den Autor
Silvan Maaß ist Diplom-Kommunikationswirt (dab) sowie Mitbegründer der Sprachnudel, wodurch er sich seit über 20 Jahren beinahe täglich mit theoretischer und angewandter Linguistik beschäftigt. Die Lebendigkeit der Sprache hat es ihm besonders angetan. Daher interessiert er sich insbesondere für Okkasionalismen und Neologismen - zwei kreative Themenfelder der Linguistikforschung, die in unserer Gesellschaft relevanter denn je sind.
Viele seiner Gedanken und Beobachtungen hat er im Sprachnudel-Magazin verfasst, wo er regelmäßig über sprachliche Phänomene und aktuelle Entwicklungen der deutschen Sprache schreibt.