Metrik (Verslehre)

Wahrscheinlich haben die meisten Menschen zu irgend einem Zeitpunkt in ihrem Leben schon einmal ein Gedicht gelesen. Der ein oder andere muss oder möchte sich nun näher damit beschäftigen. Dann wird es Zeit, die Verslehre kennenzulernen.

1. Definition: Was bedeutet Metrik (Verslehre)?

Die Verslehre - auch Metrik (abgeleitet vom Altgriechischen "μετρική τέχνη" für "metrische Kunst" bzw. "Lehre von den (Vers-)Maßen) genannt - beschäftigt sich mit den Gesetzmäßigkeiten der gebundenen Sprache. Dazu zählen Versformen, Strophenformen und Gedichtformen. Grundlage zur Bildung dieser Formen sind Rhythmus (Versmaß) und Klang (Reim).
Das literarische Gegenstück ist die Prosa. Sie zeichnet sich durch eine freie, ungebundene Sprache aus, die ohne Reim, Rhythmik und Vers auskommt.

2. Bereiche der Metrik

Die Verslehre lässt sich in drei Bereiche einteilen. Dazu zählen:

  1. Vergleichende Metrik
  2. Systematische Metrik
  3. Historische Metrik

2.1 Vergleichende Metrik

Wie der Name bereits andeutet, nutzt die vergleichende Metrik das Stilmittel des Vergleichs. Genauer gesagt vergleicht sie die strukturbildenden Prinzipien der Verssprache verschiedener Sprachfamilien und literarischer Epochen. Hierbei sind folgende drei Versprinzipien zu unterscheiden:

  1. Akzentuierendes Versprinzip - auch akzentuierende Metrik genannt
  2. Silbenzählendes Versprinzip - auch silbenzählende Metrik genannt
  3. Quantitierendes Versprinzip - auch quantitierende Metrik genannt

2.1.1 Akzentuierendes Versprinzip

Das akzentuierende Versprinzip ist das Versprinzip, das in germanischen Sprachen (u.a. Dänisch, Deutsch, Englisch, Niederländisch, Norwegisch und Schwedisch) dominierend ist und somit auch in der deutschen Dichtung der Neuzeit. Es bestimmt strukturelle Regelmäßigkeiten des Metrums aufgrund der Betonung - genauer gesagt durch den Wechsel von betonten und unbetonten Silben, die sich wiederum nach der natürlichen Wortbetonung, der Wortstellung im Satz und dem Kontext richten.

2.1.2 Silbenzählendes Versprinzip

Das silbenzählende Versprinzip (auch syllabisches Versprinzip) ist in den romanischen Sprachen (u.a. Französisch, Italienisch, Portugiesisch, Rumänisch und Spanisch) für die metrische Regulierung verantwortlich. Hierbei wird das Metrum anhand einer festgelegten Anzahl von Silben im Vers bestimmt.

2.1.3 Quantitierendes Versprinzip

In der antiken Dichtung (800 v. Chr. bis 500 n. Chr.) war das quantitierende Versprinzip (auch silbenmessendes Versprinzip) vorherrschend. Hierbei wird das Metrum aufgrund der Quantität der Silben (der Länge der Silben - der Silbendauer - bzw. dem regelmäßigen Wechsel von langen und kurzen Silben) bestimmt.

2.2 Systematische Metrik

Mit Hilfe der systematischen Metrik versucht man metrische Schemata zu erfassen. Man untersucht hierbei Versfuß, Versmaß, Strophenform und Gedichtform von dichterischen Werken auf das Vorhandensein von lyrischen Strukturen wie bspw. ein bestimmtes Reimschema.

2.3 Historische Metrik

Die historische Metrik beschäftigt sich mit zeitlichen Abfolgen von verschiedenen Metriken. In der Regel betrachtet sie dabei bestimmte Sprachfamilien und literarische Epochen bezüglich derer jeweiliger Theorien, Einflüsse und Wirkungen im Hinblick auf historische Veränderungen für andere Sprachen und folgende Epochen der Lyrik, die daraus resultierten.

3. Grundbegriffe der Verslehre

Um die Verslehre zu verstehen, ist die Kenntnis von spezifischen Fachbegriffen und deren Bedeutungen nötig. Im Folgenden erklären wir daher einige relevante Grundbegriffe.

3.1 Hebung & Senkung

Hebungen und Senkungen sind Grundlagen vom akzentuierenden Versprinzip. Hierbei ist eine Hebung die betonte Silbe in einem Vers, die rhythmisch-akzentuell hervorgehoben ist (metrische Notation: x́ oder —).
Eine Senkung ist die unbetonte Silbe (metrische Notation: x oder ◡).

3.2 Versrhythmus

Als Versrhythmus versteht man an die Sprechweise angepasste Hebungen und Senkungen einer Verszeile, wodurch sowohl die Versbetonung als auch die Sprachbetonung übereinstimmen.

3.3 Auftakt (Bereich am Versanfang)

Im akzentuierenden Versprinzip wird der Auftakt als Beginn eines Verses mit einer Senkung (metrische Notation: x oder ◡) vor der ersten Hebung (metrische Notation: x́ oder -) bezeichnet.
Verse können demnach auftaktik (jambisch und anapästisch) oder auftaktlos (trochäisch und daktylisch) sein.

3.4 Versschluss (Kadenz)

In der Verslehre ist die Kadenz die Betonung der letzten Silbe eines Verses. Sie ist betont oder unbetont. Es gibt drei Kadenzen (Versschlüsse):

3.5 Zäsur und Dihärese

Als Zäsur (metrische Notation: | ) versteht man in der Verslehre einen Einschnitt innerhalb einer Verszeile, der eine kurze Sprechpause signalisiert und den Vers dadurch in mehrere Teile (Kolone) gliedert. Zäsuren haben entweder eine feste Position oder sind beweglich.

Die Dihärese (metrische Notation: ‖ ) - auch "Diärese" geschrieben - ist eine Zäsur, bei der das Ende eines Kolons mit dem eines Versfußes zusammenfällt.

Die Zäsur kann an verschiedenen Stellen in einem Vers auftauchen. Zu den Bedeutendsten zählen:

  • Trithemimeres - Pause nach dem 3. Halbfuß
  • Penthemimeres - Pause nach dem 5. Halbfuß
  • Hephthemimeres - Pause nach dem 7. Halbfuß

4. Formen in lyrischen Texten

Lyrische Texte weisen einige typische Formen auf. Dazu zählen:

4.1 Vers

In der Dichtung wird ein Vers als eine Reihe rhythmisch gegliederter Einheiten (dazu zählen: Silbe, Versfuß und Versmaß) verstanden. Man spricht auch von einer Verszeile. Verszeilen werden in Gedichten in der Regel zeilenmäßig angeordnet.

4.1.1 Versfuß (Takt)

Der Versfuß ist der kleinste Baustein eines Verses. Er ist der einzelne wiederholte Teil, aus dem das Versmaß besteht. In der Musiktheorie entspricht er etwa dem Takt. In einem Reimschema ist der Versfuß die feststehende Kombination aus einer Hebung und einer oder mehreren Senkungen. Einfach ausgedrückt handelt es sich um eine bestimmte Abfolge von betonten und unbetonten Silben. Hierbei unterscheidet man steigende Versfüße (beginnen mit einer Senkung) und fallende Versfüße (beginnen mit einer Hebung). Zudem werden Versfüße noch in zweisilbig und dreisilbig unterteilt. Insgesamt kennt die Verslehre im Deutschen sechs Versfüße, von denen allerdings nur diese vier relevant sind:

  1. Jambus: zweisilbig und steigend
    Beispiel: Ver-kauf (xx́ oder ◡—)
  2. Trochäus: zweisilbig und fallend
    Beispiel: Mö-we (x́x oder —◡)
  3. Anapäst: dreisilbig und steigend
    Beispiel: Ko-lo-nie (xxx́ oder ◡◡—)
  4. Daktylus: dreisilbig und fallend
    Beispiel: Kö-nig-reich (x́xx oder —◡◡)

Wie man sieht, folgt beim Jambus nach einer unbetonten Silbe eine betonte. Beim Trochäus ist es genau andersherum.
Der Anapäst besteht aus zwei unbetonten Silben, auf die eine betonte folgt. Der Daktylus beginnt mit einer betonten Silbe und endet mit zwei unbetonten.

4.1.2 Versmaß (Metrum)

Das Versmaß - auch Metrum genannt - ist die schematische Ordnung von einem Vers. Genauer gesagt bezeichnet es die regelmäßige Wiederholung eines gleichen Versrhythmus.
Die akzentuierende Metrik, die in der deutschen Dichtung der Neuzeit vorherrschend ist, unterscheidet das Versmaß anhand der Verslänge, die wiederum durch die Anzahl der Hebungen (entspricht der Zahl der Versfüße) und dem Wechsel langer und kurzer Silben bestimmt wird sowie der Art und der Vollständigkeit des Versschlusses.

4.1.2.1 Unterscheidungskriterien des akzentuierenden Versprinzips

Beim akzentuierenden Versprinzip unterscheidet man:

1. Die Anzahl der Hebungen:

  • Dreiheber (Versmaß mit drei Hebungen), wird auch Dreitakter genannt
  • Vierheber (Versmaß mit vier Hebungen), wird auch Viertakter genannt
  • Fünfheber (Versmaß mit fünf Hebungen), wird auch Fünftakter genannt
  • usw.

2. Den Wechsel langer und kurzer Silben:

  • Alternierende Versmaße - sie haben zwei Silben und wechseln im Vers betonte und unbetonte Silben ab. Man bezeichnet sie als jambisch oder trochäisch. Beim jambischen Versmaß wechseln sich unbetonte und betonte Silben ab. Beim trochäischen Versmaß ist es andersherum.
  • Nichtalternierende Versmaße - sie haben mehr als zwei Silben im Versfuß. Umfassen sie drei Silben, werden sie als daktylisch oder anapästisch bezeichnet. Das daktylische Versmaß beginnt mit einer betonten Silbe und endet mit zwei unbetonten. Das anapästische Versmaß besteht aus zwei unbetonten Silben, auf die eine betonte folgt.

3. Die Art des Versschlusses:

4.1.2.2 Unterscheidungskriterien des silbenzählenden Versprinzips

Beim silbenzählenden Versprinzip unterscheidet man nach der Anzahl der Silben:

  • Einsilbler - 1 Silbe (Monosyllabus)
  • Zweisilbler - 2 Silben (Disyllabus)
  • Dreisilbler - 3 Silben (Trisyllabus)
  • Viersilbler - 4 Silben (Tetrasyllabus)
  • Fünfsilbler - 5 Silben (Pentasyllabus)
  • Sechssilbler - 6 Silben (Hexasyllabus)
  • Siebensilbler - 7 Silben (Heptasyllabus)
  • Achtsilbler - 8 Silben (Oktosyllabus)
  • Neunsilbler - 9 Silben (Enneasyllabus)
  • Zehnsilbler - 10 Silben (Dekasyllabus)
  • Elfsilbler - 11 Silben (Hendekasyllabus)
  • Zwölfsilbler - 12 Silben (Dodekasyllabus)
4.1.2.3 Unterscheidungskriterien des quantitierenden Versprinzips

Beim quantitierenden Versprinzip unterscheidet man nach der Anzahl der Metra (1 Metron, 2 Metra usw., sind in der antiken Metrik die kleinsten rhythmischen Elemente in einem Vers, vergl. Versfuß):

  • Monometer (1 Metron)
  • Dimeter (2 Metra)
  • Trimeter (3 Metra)
  • Tetrameter (4 Metra)
  • Pentameter (5 Metra)
  • Hexameter (6 Metra)
4.1.2.4 Weitere Unterscheidungskriterien

Die drei oben genannten Versprinzipien unterscheiden sich zudem nach der Vollständigkeit des Versschlusses. Hierbei unterscheidet man:

  • akatalektisch - endet ein Vers mit einem vollständigen Versfuß, bezeichnet man ihn als Akatalexe bzw. akatalektisch. Die Akatalexe bei einem daktylischen Pentameter besteht in seiner vollständigen Form bspw. aus fünf Daktylen und sieht wie folgt aus:
    —◡◡,—◡◡, —◡◡,—◡◡,—◡◡
  • brachykatalektisch - eine Verkürzung eines Verses um den letzten Versfuß oder die letzten zwei Silben bezeichnet man als Brachykatalexe bzw. brachykatalektisch.
  • hyperkatalektisch - endet ein Vers mit einer überzähligen unbetonten Silbe, bezeichnet man ihn als Hyperkatalexe bzw. hyperkatalektisch. Die Hyperkatalexe bei einem jambischen Vierheber sieht bspw. wie folgt aus:
    ◡—,◡—,◡—,◡—,
  • katalektisch - endet ein Vers mit einem unvollständigen Versfuß, bezeichnet man ihn als Katalexe bzw. katalektisch. Die Katalexe bei einem daktylischen Pentameter besteht in seiner unvollständigen Form bspw. aus vier Daktylen. Durch den Wegfall der letzten Silbe wird der Versfuß zum Trochäus. Dies sieht wie folgt aus:
    —◡◡,—◡◡, —◡◡,—◡◡,—◡
4.1.2.5 Besonderheiten des Metrums
4.1.2.5.1 Anaklasis

In der quantitierenden Metrik versteht man unter Anaklasis die Vertauschung einer langen und einer kurzen Silbe (Quantitäten) im Versmaß. Dadurch kann bspw. aus einem jambischen Metron ein Trochäus entstehen.

In der akzentuierenden Metrik beschreibt die Anaklasis eine gegenmetrische Betonung. Hierbei wird anstelle der Tonbeugung die normalsprachliche Betonung eines Wortes (der Wortakzent) genutzt.

4.1.2.5.2 Füllungsfreiheit

Füllungsfreiheit besteht bei einer variablen Anzahl von Senkungen (in der Regel nicht mehr als drei) zwischen den Hebungen. Dabei unterliegt die Anordnung keiner festen Regel. Das Versmaß ist flexibel.

4.1.2.5.3 Hebungsprall

Unter einem Hebungsprall - auch als Hochtonhiatus bekannt - versteht man das Aufeinanderstoßen zweier betonter Silben (Hebungen). Er findet meist innerhalb eines Wortes statt. Dadurch entsteht eine rhythmische Unterbrechung in Form einer Zäsur, die für eine kurze Sprechpause sorgt.

4.1.2.5.4 Schwebende Betonung

Eine schwebende Betonung liegt bei einer Silbe vor, bei der nicht klar ist, ob sie betont oder unbetont ist. Diese Konstellation tritt meist nur am Versanfang auf und dann, wenn das Versmaß in einem Gedicht nicht mit der natürlichen Akzentuierung einer Silbe übereinstimmt. In diesem Fall wird die Silbe gleich stark (ausgleichend) zur vorstehenden oder folgenden Silbe betont. Dies führt zu einer langsamen und überaus betonten Aussprache.

4.1.2.5.5 Tonbeugung

Liegt in einem Gedicht keine Übereinstimmung von Versmaß (Versakzent) und geforderter Betonung der natürlichen Sprache einer Silbe bzw. eines Wortes vor (Wortakzent), dann handelt es sich um eine Tonbeugung. Zum Ausgleich, etwa bei einem Vortrag, verwendet man die schwebende Betonung.

4.1.2.6 Versmaß bestimmen

Früher oder später steht man in der Schule vor der Aufgabe, eine Gedichtanalyse anfertigen zu müssen. Dabei müssen Gedichte auf ihre Elemente untersucht werden. Hierbei ist neben der Bestimmung des Reimschemas auch die Bestimmung des Versmaß ein zentrales Thema. Wie man dabei am besten vorgeht, erfahrt ihr nun beispielhaft anhand der ersten Verszeile vom Gedicht "An die Freude" von Friedrich Schiller.

  1. An erster Stelle steht das Lesen. Daher: lese das zu analysierende Gedicht am besten mehrfach langsam und laut vor. Achte dabei auf eine möglichst natürliche Betonung der Wörter und Silben.
  2. Dann beginnst du mit dem Markieren der Silben. Hierbei ist der Längsstrich hilfreich, den du zwischen jede Silbe setzt.

    Beispiel:
    Freu | de | schö | ner | Göt | ter | fun | ken

  3. Nun müssen die Hebungen und Senkungen hinzugefügt werden. Es ist sinnvoll, dein Gedicht dafür noch einmal sehr langsam und deutlich Silbe für Silbe zu lesen.

    Beispiel:
    Freu | de | schö | ner | Göt | ter | Fun | ken
  4. Als nächstes zählst du Vers für Vers die Anzahl der Hebungen. In unserem Beispiel wären das vier. Das Versmaß ist also vierhebig.

    Beispiel:
    1 2 3 4
  5. Abschließend müssen noch die Versfüße bestimmt werden. Wie unschwer zu erkennen ist, wiederholt sich folgender Versfuß: — ◡. Dabei handelt es sich um einen Trochäus. Wir haben es also mit einem vierhebigen Trochäus zu tun.

4.1.3 Versformen

Als Versform bezeichnet man die metrische Form (das Versschema) eines Verses.
Die Geschichte der Lyrik zeigt, dass Verse viele Formen haben können. Erste schriftliche Zeugnisse finden sich bereits in der Frühgeschichte (etwa um das 14. Jahrhundert v. Chr.). Im Laufe der Zeit haben sich dann diverse Versformen herauskristallisiert. Neben deutschen Versformen wie dem Knittelvers, sind es in erster Linie romanische und antike Versformen, von denen wir jeweils die Bedeutendsten vorstellen möchten.

4.1.3.1 Versformen der germanisch-deutschen Lyrik

Die bedeutendsten Versformen der deutschen Lyrik stammen aus der sogenannten Goethezeit. Die Goethezeit erstreckte sich über die Epochen des Sturm und Drang und der Klassik (1770 bis 1830). Im Deutschen bestimmt das akzentuierende Versprinzip die metrische Regulierung.

4.1.3.1.1 Blankvers

Den Blankvers gibt es seit dem 16. Jahrhundert in England und seit dem 18. Jahrhundert in Deutschland. Er wird eng mit William Shakespeare (1564-1616) verbunden, der ihn in seinen Werken gerne verwendete. Der Blankvers ist ein ungereimter jambischer Fünfheber. Mit männlicher Kadenz besteht er aus zehn Silben, mit weiblicher Kadenz aus elf Silben.

Metrisches Schema:
◡—,◡—,◡—,◡—,◡—ˌ(◡)

Beispiel:
Ich hab den Hut nicht aufgesteckt zu Altdorf
◡—,◡—,◡—,◡—,◡—
Des Scherzes wegen, oder um die Herzen
◡—,◡—,◡—,◡—,◡—
Des Volks zu prüfen, diese kenn ich längst.
◡—,◡—,◡—,◡—,◡—
Friedrich Schiller (1759-1805), Wilhelm Tell
4.1.3.1.2 Jambischer Dreiheber

Der jambische Dreiheber ist ein Versmaß, das aus drei jambischen Versfüßen besteht.

Metrisches Schema:
◡—ˌ◡—ˌ◡—ˌ(◡)

Beispiel:
Der Mond ist aufgegangen,
◡—ˌ◡—ˌ◡—ˌ◡
Die goldnen Sternlein prangen
◡—ˌ◡—ˌ◡—ˌ◡
Am Himmel hell und klar
◡—ˌ◡—ˌ◡—
Matthias Claudius (1740-1815), Abendlied
4.1.3.1.3 Jambischer Vierheber

Der jambische Vierheber ist ein Versmaß, das aus vier jambischen Versfüßen besteht.

Metrisches Schema:
◡—,◡—,◡—,◡—ˌ(◡)

Beispiel:
Denk ich an Deutschland in der Nacht,
◡—,◡—,◡—,◡—
Dann bin ich um den Schlaf gebracht,
◡—,◡—,◡—,◡—
Ich kann nicht mehr die Augen schließen,
◡—,◡—,◡—,◡—,◡
Und meine heißen Tränen fließen.
◡—,◡—,◡—,◡—,◡
Heinrich Heine (1797-1856), Nachtgedanken
4.1.3.1.4 Jambischer Fünfheber

Der jambische Fünfheber ist ein Versmaß, das aus fünf jambischen Versfüßen besteht.

Metrisches Schema:
◡—,◡—,◡—,◡—,◡—ˌ(◡)

Beispiel:
Der Fischer singt im Kahne, der gemach
◡—,◡—,◡—,◡—,◡—
Im rothen Wiederschein zum Ufer gleitet,
◡—,◡—,◡—,◡—,◡—,◡
wo der bemoosten Eiche Schattendach
◡—,◡—,◡—,◡—,◡—
die netzumhang'ne Wohnung überbreitet.
◡—,◡—,◡—,◡—,◡—,◡
Friedrich von Matthisson (1761-1831), Erinnerung am Genfersee
4.1.3.1.5 Trochäischer Dreiheber

Der trochäische Dreiheber ist ein Versmaß, das aus drei trochäischen Versfüßen besteht.

Metrisches Schema:
—◡ˌ—◡ˌ—(◡)

Beispiel:
Wenn die Abendröthe
—◡ˌ—◡ˌ—◡
Dorf und Hain umwallt,
—◡ˌ—◡ˌ—
und die Weidenflöte
—◡ˌ—◡ˌ—◡
hell zum Reigen schallt.
—◡ˌ—◡ˌ—
Friedrich von Matthisson (1761-1831), Die Kindheit
4.1.3.1.6 Trochäischer Vierheber

Der trochäische Vierheber ist ein Versmaß, das aus vier trochäischen Versfüßen besteht.

Metrisches Schema:
—◡ˌ—◡ˌ—◡ˌ—(◡)

Beispiel:
Horch, der Hain erschallt von Liedern,
—◡ˌ—◡ˌ—◡ˌ—◡
und die Quelle rieselt klar!
—◡ˌ—◡ˌ—◡ˌ—
Raum ist in der kleinsten Hütte
—◡ˌ—◡ˌ—◡ˌ—◡
Für ein glücklich liebend Paar.
—◡ˌ—◡ˌ—◡ˌ—
Friedrich Schiller (1759-1805), Der Jüngling am Bache
4.1.3.1.7 Trochäischer Fünfheber

Der trochäische Fünfheber ist ein Versmaß, das aus fünf trochäischen Versfüßen besteht.

Metrisches Schema:
—◡ˌ—◡ˌ—◡ˌ—◡ˌ—(◡)

Beispiel:
Meine eingelegten Ruder triefen,
—◡ˌ—◡ˌ—◡ˌ—◡ˌ—◡
Tropfen fallen langsam in die Tiefen.
—◡ˌ—◡ˌ—◡ˌ—◡ˌ—◡
Nichts das mich verdroß! Nichts das mich freute!
—◡ˌ—◡ˌ—◡ˌ—◡ˌ—◡
Niederrinnt ein schmerzenloses Heute!
—◡ˌ—◡ˌ—◡ˌ—◡ˌ—◡
Unter mir — ach, aus dem Licht verschwunden
—◡ˌ—◡ˌ—◡ˌ—◡ˌ—◡
Träumen schon die schönern meiner Stunden.
—◡ˌ—◡ˌ—◡ˌ—◡ˌ—◡
Aus der blauen Tiefe ruft das Gestern:
—◡ˌ—◡ˌ—◡ˌ—◡ˌ—◡
Sind im Licht noch manche meiner Schwestern?
—◡ˌ—◡ˌ—◡ˌ—◡ˌ—◡
Conrad Ferdinand Meyer (1825-1898), Eingelegte Ruder
4.1.3.1.8 Knittelvers (Reimvers)

Der Knittelvers ist eine deutsche Versform aus dem 15. Jahrhundert. Bei ihr reimen sich zwei aufeinanderfolgende Zeilen (Paarreim). Er wird unterschieden nach strengem Knittelvers (besteht aus 8 bis 9 Silben pro Verszeile) und freiem Knittelvers (variiert in der Silbenzahl).

Beispiel für einen freien Knittelvers:
"Habe nun, ach! Philosophie,
— ◡ ◡ — — ◡ ◡ —
Juristerei und Medizin,
— ◡ ◡ — — ◡ ◡ —
Und leider auch Theologie!
◡ — ◡ — — ◡ ◡ —
Durchaus studiert mit heißem Bemühn.
— ◡ ◡ — ◡ — ◡ ◡ —
Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832), Faust Monolog
Beispiel für einen strengen Knittelvers:
Denn zieh man Schad gen Schaden ab,
◡ — ◡ — ◡ — ◡ —
darmit man Fried im Ehstand hab
◡ — ◡ — ◡ — ◡ —
und kein Uneinigkeit aufwachs,
— — — — ◡ — — —
das wünschet uns allen Hans Sachs.
◡ — ◡ ◡ — ◡ ◡ —
Hans Sachs (1494-1576), Der fahrend Schüler ins Paradeis
4.1.3.1.9 Freie Rhythmen

Freie Rhythmen sind Verse, die sich nicht reimen. Sie sind seit dem 18. Jahrhundert in der deutschen Lyrik belegbar und bestehen aus einer beliebigen Silbenanzahl. Zudem sind sie metrisch ungebunden - weisen also unterschiedlich viele Hebungen und Senkungen auf. Das vorherrschende Ordnungsprinzip der freien Rhythmen ist ihre Optik, die durch gezielte Zeilenumbrüche verdeutlicht wird. Dadurch erhalten sie das charakteristische Schriftbild eines Gedichtes, das in eine oder mehrere Strophen mündet. Dies ist auch ihr Unterscheidungsmerkmal zur Prosa. Freie Rhythmen werden häufig in modernen Gedichten verwendet.

Beispiel:
Den du nicht verlässest, Genius,
Wirst die wollnen Flügel unterspreiten,
Wenn er auf dem Felsen schläft,
Wirst mit Hüterfittichen ihn decken
In des Haines Mitternacht.
Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832), Wandrers Sturmlied
4.1.3.2 Versformen der romanischen Lyrik

Auch Versformen mit romanischem Ursprung prägten die deutsche Lyrik. Bei den romanischen Sprachen bestimmt das silbenzählende Versprinzip die metrische Regulierung. Bedeutende Versformen sind:

4.1.3.2.1 Alexandriner

Der Alexandriner ist eine romanische Versform aus dem 12. Jahrhundert, die ursprünglich aus Frankreich kam und ab dem 16. Jahrhundert auch die Lyrik in Deutschland beeinflusste. Hierbei handelt es sich um einen Reimvers mit sechs Jamben, der je nach Kadenz (kann männlich oder weiblich sein) 12 oder 13 Silben aufweist. Mittig, also nach dem dritten Jambus bzw. der sechsten Silbe, befindet sich eine Zäsur (Dihärese).

Metrisches Schema:
◡—◡—◡— ‖ ◡—◡—◡—(◡)

Beispiel:
Du siehst, wohin du siehst, ‖  nur Eitelkeit auf Erden.
◡—,◡—,◡— ‖ ◡—,◡—,◡—,◡
Was dieser heute baut, ‖ reißt jener morgen ein:
◡—,◡—,◡— ‖ ◡—,◡—,◡—
Wo itzund Städte stehn ‖  wird eine Wiese sein,
◡—,◡—,◡— ‖ ◡—,◡—,◡—
auf der ein Schäferskind ‖  wird spielen mit den Herden.
◡—,◡—,◡— ‖ ◡—,◡—,◡—,◡
Was itzund prächtig blüht, ‖  soll bald zertreten werden.
◡—,◡—,◡— ‖ ◡—,◡—,◡—,◡
Was itzt so pocht und trotzt, ‖ ist morgen Asch und Bein.
◡—,◡—,◡— ‖ ◡—,◡—,◡—
Nichts ist, das ewig sei, ‖  kein Erz, kein Marmorstein.
◡—,◡—,◡— ‖ ◡—,◡—,◡—
Itzt lacht das Glück uns an, ‖  bald donnern die Beschwerden.
◡—,◡—,◡— ‖ ◡—,◡—,◡—,◡
Andreas Gryphius (1616-1664), Abend
4.1.3.2.2 Endecasillabo

Der Endecasillabo ist eine italienische Versform aus dem 13. Jahrhundert. Er ist immer elfsilbig mit weiblicher Kadenz. Zudem weist der Endecasillabo zwei starke Hebungen auf. Die eine Betonung liegt auf der 10. Silbe. Die zweite Betonung ist beweglich und variiert zwischen der 4. oder 6. Silbe. Ebenso beweglich ist die Zäsur. Sie steht nach der 4. bis 7. Silbe. Abgeschlossen wird der Endecasillabo meist mit einem Endreim.

Metrische Schemata:
◡◡◡—◡◡◡◡◡—◡
oder
◡◡◡◡◡—◡◡◡—◡

4.1.3.3 Versformen der Antike

In der Antike war das quantitierende Versprinzip vorherrschend. Bedeutende Versformen sind:

4.1.3.3.1 Hexameter

Der Hexameter ist eine reimlose Versform aus der Antike (antikes Griechenland). Er ist sechshebig (sechs Daktylen, der letzte um eine Silbe verkürzt). Durch Versifikation (Umformung) kann er aber auch drei unterschiedliche Versfüße aufweisen, den Daktylus, den Trochäus und den Spondeus (besteht aus zwei langen Silben, metrische Notation: — —). Der Hexameter besteht insgesamt aus 13 bis 16 Silben mit weiblicher Kadenz und einer Zäsur meist nach der 3. Hebung (Trithemimeres).

Metrisches Schema:
—◡(◡)ˌ—◡(◡)ˌ—◡(◡)ˌ—◡(◡)ˌ—◡◡ˌ—◡

4.1.3.3.2 Pentameter

Der Pentameter ist eine reimlose Versform mit 14 Silben aus der Antike (antikes Griechenland). Er ist aufgebaut wie ein Hexameter, bei dem jedoch die Senkungen bei der dritten und letzten Hebung fehlen. Zudem ist nach der 3. Hebung eine Zäsur (Trithemimeres).
Der Pentameter tritt ausschließlich als zweiter Vers des Distichons auf.

Metrisches Schema:
—◡(◡)ˌ—◡(◡)ˌ— ‖ —◡(◡)ˌ—◡◡ˌ—

4.2 Strophe

Als Strophe wird in der Verslehre eine metrische Einheit verstanden, die aus mehreren Versen besteht - eine formal gleich oder ähnlich aufgebaute Versgruppe. Die Strophe ist demnach die übergeordnete Einheit der Verse. Strophen bilden die Absätze eines Gedichts, die durch eine Leerzeile voneinander getrennt werden.

Generell lassen sich Strophen nach der Anzahl ihrer Verszeilen unterscheiden. Die Verslehre sieht eine Aufteilung bis zu einer Strophenlänge von 10 Versen vor.

  • Einzeiler (auch Monostichon) - Achtung, ist per Definition oben KEINE Strophe!
  • Zweizeiler - z. B. Distichon
  • Dreizeiler (auch Tristichon oder Terzett) - z. B. Terzine
  • Vierzeiler (auch Tetrastichon, Quartett, Quartine, Quatrain) - z. B. Romanzenstrophe, Vagantenstrophe oder Chevy-Chase-Strophe
  • Fünfzeiler (auch Quintain oder Quintett)
  • Sechszeiler (auch Sextett, Sestine oder Sestain)
  • Siebenzeiler (auch Septett) - z. B. Lutherstrophe
  • Achtzeiler (auch Oktett) - z. B. Stanze
  • Neunzeiler
  • Zehnzeiler (auch Dekastichon)

4.2.1 Strophenformen (Strophenmaße)

Die Verslehre kennt verschiedene Strophenformen (häufig auch als Strophenmaß bezeichnet), die in Gedichten organisiert sind und somit für deren Aufbau verantwortlich sind. In der Strophe wiederum sind verschiedene Versformen organisiert, die für den Aufbau der Strophe verantwortlich sind. Man unterscheidet folgende Strophenformen:

4.2.1.1 Strophenformen der germanisch-deutschen Lyrik

Bedeutende Strophenformen der germanisch-deutschen Lyrik sind:

4.2.1.1.1 Chevy-Chase-Strophe

Die Chevy-Chase-Strophe stammt aus dem 18. Jahrhundert aus England und ist nach einer Ballade des englischen Dichters Thomas Percy (1729-1811) benannt. Im gleichen Jahrhundert wurde sie auch in der deutschen Dichtung verwendet. Die Strophe ist vierzeilig mit männlicher Kadenz. Die erste und dritte Zeile haben vier Hebungen. Zweite und vierte Strophe weisen jeweils drei Hebungen auf. Die Verszeilen sind kreuzgereimt (Reimschema: abab). Häufig liegt aber auch nur halber Kreuzreim vor (Verszeile zwei und vier reimen sich). Das Versmaß ist jambisch, wobei die Zahl der unbetonten Silben zwischen den Hebungen variieren kann. Dann liegt Füllungsfreiheit vor.
Eine Variation ist die Vagantenstrophe, bei der der zweite und vierte Vers nicht männlich sondern weiblich sind.

Metrisches Schema:
◡—◡—◡—◡—
◡—◡—◡—
◡—◡—◡—◡—
◡—◡—◡—

Beispiel:
Und trüg er noch den alten Groll,
Frisch wie am ersten Tag,
So komme, was da kommen soll,
Und komme, was da mag.
Theodor Fontane (1819-1898), Archibald Douglas
4.2.1.1.2 Lutherstrophe

Die Lutherstrophe ist nach dem deutschen Reformator Martin Luther benannt, der sie in einigen seiner Kirchenlieder nutzte. Sie kam ursprünglich aus der Volksdichtung. Die Strophe ist siebenzeilig mit Kreuzreim in den ersten vier Versen. Zeile fünf und sechs sind im Paarreim verfasst. Der Schlussvers reimt sich meist auf die Verse zwei und vier. Er kann aber auch reimlos sein (Waise). Das Reimschema lautet demnach: ababccb.

Beispiel:
Ein Knabe sah den Mondenschein
In eines Teiches Becken;
Er faßte mit der Hand hinein,
Den Schimmer einzustecken;
s Da trübte sich des Wassers Rand,
Das glänz‘ge Mondesbild verschwand
Und seine Hand war –
Heinrich von Kleist (1777-1811), Die Hermannsschlacht
4.2.1.1.3 Nibelungenstrophe

Der Name der Nibelungenstrophe (auch Nibelungenvers) stammt aus dem 13. Jahrhundert und ist abgeleitet vom deutschen Nibelungenlied - der berühmtesten Langzeilenstrophe des Mittelalters. Hierbei bilden vier paarweise gereimte Nibelungenverse eine Strophe. Darin ist jeder Vers durch einen starken Einschnitt (Zäsur oder Dihärese) in zwei Halbverse geteilt. Der erste Halbvers wird als Anvers bezeichnet, der zweite als Abvers. Der Anvers besteht in der Regel aus drei Hebungen mit klingender Kadenz, während der Abvers zumeist mit einer stumpfen Kadenz abschließt und dessen letzte Verszeile vier Hebungen besitzt und die übrigen drei Verszeilen mit drei Hebungen auskommen.

Beispiel (Anvers | Abvers):
Uns ist in alten mæren | wunders vil geseit
von helden lobebæren, |  von grôzer arebeit,
von freuden, hôchgezîten, |  von weinen und von klagen,
von küener recken strîten | muget ír nu wunder hœren sagen.
13. Jahrhundert, Nibelungenlied 1. Strophe
Übersetzung:
Uns wird in alten Sagen von Wundern viel erzählt,
von hoch gerühmten Helden, von großer Kampfesmüh,
von Frohsinn, Festen, von Tränen und von Klagen
von Kämpfen kühner Helden könnt erfahren ihr jetzt Erstaunliches.
4.2.1.1.4 Romanzenstrophe

Bei der Romanzenstrophe handelt es sich um einen Vierzeiler, der aus der spanischen Romanze entstand. Es gibt sie auch als doppelte Romanzenstrophe (Achtzeiler). Die Romanzenstrophe war lange Zeit die beliebteste Strophenform der deutschen Lyrik (von 1770 - 1900). Sie besteht aus trochäischen Vierhebern und Assonanzen. Bei gekonntem Einsatz der Assonanzen kann sie reimartig wirken.
Im Deutschen gibt es zwei weitere Varianten. Als Suleikastrophe hat sie abwechselnd weibliche und männliche Kadenzen. Die seltenere Form - die Schenkenstrophe - weist eine durchgehend weibliche Kadenz mit acht Silben auf. Beide Varianten können Kreuzreim oder halben Kreuzreim haben.

Metrisches Schema der Suleikastrophe:
—◡—◡—◡—◡
—◡—◡—◡—
—◡—◡—◡—◡
—◡—◡—◡—

Metrisches Schema der Schenkenstrophe:
—◡—◡—◡—◡
—◡—◡—◡—◡
—◡—◡—◡—◡
—◡—◡—◡—◡

Beispiel der Suleikastrophe:
Singet nicht in Trauertönen
Von der Einsamkeit der Nacht;
Nein, sie ist, o holde Schönen,
Zur Geselligkeit gemacht.
Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832), Singet nicht in Trauertönen
4.2.1.1.5 Volksliedstrophe

Die Volksliedstrophe (auch Volksliedvers) ist in der Regel alternierend. Sie weist aber auch oftmals doppelte statt einzelne Senkungen auf. Ihr Zeilenanfang ist entweder auftaktig (jambisch) oder auftaktlos (trochäisch). Ihr Ende betont (männlich) oder unbetont (weiblich). Die Anzahl der Hebungen ist festgelegt. Innerhalb eines Verses sind es stets drei oder vier. Die Volksliedstrophe besteht meist aus 4 oder 6 Versen, die immer gereimt sind (Kreuzreim oder Paarreim).

Beispiel:
Ich weiss nicht, was soll es bedeuten,
◡ — ◡ ◡ — ◡ ◡ — ◡
Dass ich so traurig bin
◡ — ◡ — ◡ —
Ein Märchen aus alten Zeiten,
◡ — ◡ ◡ — ◡ — ◡
Das geht mir nicht aus dem Sinn.
◡ — ◡ — ◡ ◡ —
Heinrich Heine (1797-1856), Die Lore-Ley
4.2.1.2 Strophenformen der romanischen Lyrik

Bedeutende Strophenformen der romanischen Lyrik sind:

4.2.1.2.1 Stanze

Die Stanze ist eine Strophenform aus dem 14. Jahrhundert (Mittelalter) aus Italien. Sie besteht aus acht jambischen Versen mit jeweils 11 Silben (Endecasillabi). Davon sind die ersten sechs Verse alternierend. Die beiden Schlussverse bilden einen Paarreim. Im Deutschen wird die Stanze als jambischer Fünfheber verwendet.

Reimschema:
Verszeile 1 bis 6: ababab
Verszeile 7 und 8: cc

Beispiel:
Ihr naht euch wieder, schwankende Gestalten,
Die früh sich einst dem trüben Blick gezeigt.
Versuch ich wohl, euch diesmal festzuhalten?
Fühl ich mein Herz noch jenem Wahn geneigt?
Ihr drängt euch zu! nun gut, so mögt ihr walten,
Wie ihr aus Dunst und Nebel um mich steigt;
Mein Busen fühlt sich jugendlich erschüttert
Vom Zauberhauch, der euren Zug umwittert.
Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832), Faust
4.2.1.2.2 Terzine

Die Terzine stammt aus dem 14. Jahrhundert (Mittelalter) aus Italien. Sie besteht aus drei verketteten Versen und ist gereimt. Dabei reimen sich innerhalb einer Strophe stets der erste und der dritte Vers. Der zweite Vers reimt sich mit dem ersten und dritten Vers der folgenden Strophe. Abgeschlossen wird die Terzinenkette mit einem Einzeiler, der sich mit dem mittleren Vers der letzten Strophe reimt. Daher kann die letzte Strophe auch als eine vierzeilige Strophe mit Kreuzreim verstanden werden.

Reimschema:
1. Strophe: aba
2. Strophe: bcb
letzte Strophe: yzyz

Beispiel:

Wir sind aus solchem Zeug wie das zu Träumen,
Und Träume schlagen so die Augen auf
Wie kleine Kinder unter Kirschenbäumen,

Aus deren Krone den blassgoldnen Lauf
Der Vollmond anhebt durch die große Nacht.
Nicht anders tauchen unsre Träume auf.

Sind da und leben, wie ein Kind, das lacht,
Nicht minder gross im Auf- und Niederschweben
Als Vollmond, aus Baumkronen aufgewacht.

Das Innerste ist offen ihrem Weben
Wie Geisterhände in versperrtem Raum
Sind sie in uns und haben immer Leben.

Und drei sind eins: ein Mensch, ein Ding, ein Traum.

Hugo von Hofmannsthal (1874 - 1929), Gedichte in Terzinen (3. Gedicht)
4.2.1.2.3 Vagantenstrophe

Die Vagantenstrophe geht auf die gleichnamige Vagantendichtung (lateinische Lyrik) zurück, deren erste Werke wohl aus dem 11. Jahrhundert stammen. Im Mittelalter bestand sie ursprünglich aus vier Langzeilen bzw. Langversen (zwei Halbzeilen, die durch einen Stabreim verbunden werden) mit siebenhebigen Trochäen und einer Dihärese nach der vierten Hebung. Heute verzichtet man auf die Dihärese und wechselt stattdessen in den nächsten Vers. Durch Doppelung der Verse entstand so die vierzeilige Vagantenstrophe. Durch eine weitere Verdoppelung kann die Vagantenstrophe auch zum Achtzeiler werden. Sie besteht abwechselnd aus einem vier- und einem dreihebigen Vers.

Metrisches Schema:
—◡—◡—◡—
—◡—◡—◡
—◡—◡—◡—
—◡—◡—◡

Beispiel:
Es zog eine Hochzeit den Berg entlang,
Ich hörte die Vögel schlagen,
Da blitzen viel Reiter, das Waldhorn klang,
Das war ein lustiges Jagen!
Joseph von Eichendorff (1788-1857), Im Walde
4.2.1.3 Strophenformen der Antike

Bedeutende Strophenformen der Antike sind:

4.2.1.3.1 Distichon

Als Distichon bezeichnet man einen Doppelvers bzw. ein Verspaar (auch Zweizeiler) aus der Antike (antikes Griechenland), der aus einem Hexameter und einem Pentameter besteht.

Metrisches Schema:
—◡(◡)ˌ—◡(◡)ˌ—◡(◡)ˌ—◡(◡)ˌ—◡◡ˌ—◡
—◡(◡)ˌ—◡(◡)ˌ— ‖ —◡(◡)ˌ—◡◡ˌ—

Beispiel:
Im Hexameter zieht der ästhetische Dudelsack Wind ein;
Im Pentameter drauf läßt er ihn wieder heraus.
Matthias Claudius (1740-1815), Das Distichon
4.2.1.3.2 Odenstrophe

Die Odenstrophe ist die Strophe der Ode (Gedichtform). Sie stammt aus der Antike (antikes Griechenland). Typisch für sie ist ihre Reimlosigkeit. Zudem ist sie vierzeilig mit fester Strophenform, denn die Verteilung der Hebungen und Senkungen ist für jede Verszeile vorgeschrieben. Drei verschiedene Strophenformen sind bekannt:

4.2.1.3.2.1 Alkäische Odenstrophe

Die alkäische Odenstrophe ist nach dem altgriechischen Lyriker Alkaios (um 660 v. Chr.) benannt. Sie besteht aus vier Versen. Vers eins und zwei bestehen aus 11 Silben, Vers drei aus 9 und Vers vier aus 10 Silben. In Verszeile eins und zwei steht nach der fünften Silbe eine Zäsur. Das Versmaß ist jambisch. Den Schlussvers bilden zwei Daktylen gefolgt von zwei Trochäen.

Metrisches Schema (Odenmaß):
◡ — ◡ — ◡ || — ◡ ◡ — ◡ — (11 Silben)
◡ — ◡ — ◡ || — ◡ ◡ — ◡ — (11 Silben)
◡ — ◡ — ◡ — ◡ — ◡ (9 Silben)
— ◡ ◡ — ◡ ◡ — ◡ — ◡ (10 Silben)
Beispiel:
Nur einen Sommer gönnt, ihr Gewaltigen!
Und einen Herbst zu reifem Gesange mir,
Dass williger mein Herz, vom süßen
Spiele gesättigt, dann mir sterbe.
Friedrich Hölderlin (1770-1843), An die Parzen
4.2.1.3.2.2 Asklepiadeische Odenstrophe

Die asklepiadeische Odenstrophe ist nach dem altgriechischen Lyriker Asklepiades (um 300 v. Chr.) benannt. Sie besteht aus vier Versen. Vers eins und zwei bestehen aus 12 Silben, Vers drei aus 7 und Vers vier aus 8 Silben. In Verszeile eins und zwei steht nach der sechsten Silbe (mittig) eine Zäsur. In allen Versen gibt es einen Wechsel von Trochäen und Daktylen.

Metrisches Schema (Odenmaß):
— ◡ — ◡ ◡ — || — ◡ ◡ — ◡ — (12 Silben)
— ◡ — ◡ ◡ — || — ◡ ◡ — ◡ — (12 Silben)
— ◡ — ◡ ◡ — ◡ (7 Silben)
— ◡ — ◡ ◡ — ◡ — (8 Silben)
Beispiel:
Schön ist, Mutter Natur, deiner Erfindung Pracht
Auf die Fluren verstreut, schöner ein froh Gesicht,
Das den großen Gedanken
Deiner Schöpfung noch einmal denkt.
Friedrich Gottlieb Klopstock (1724-1803), Der Zürchersee
4.2.1.3.2.3 Sapphische Odenstrophe

Die sapphische Odenstrophe ist nach der altgriechischen Lyrikerin Sappho (um 600 v. Chr.) benannt. Sie besteht aus vier Versen. Vers eins, zwei und drei bestehen aus 11 Silben, Vers vier aus 5 Silben. Die Verse eins bis drei bestehen aus Trochäen mit einem eingeschobenem Daktylus. Der letzte Vers besteht aus einem Daktylus und einem Trochäus. Alle Verse weisen zudem eine durchgehend weibliche Kadenz auf.

Metrisches Schema (Odenmaß):
—◡ —◡ —◡◡  —◡  —◡ (11 Silben)
—◡  —◡ —◡◡  —◡  —◡ (11 Silben)
—◡  —◡  —◡◡  —◡  —◡ (11 Silben)
—◡◡  —◡ (5 Silben)
Beispiel:
Stets am Stoff klebt unsere Seele, Handlung
Ist der Welt allmächtiger Puls, und deshalb
Flötet oftmals tauberem Ohr der hohe
Lyrische Dichter.
August von Platen (1796-1835), Los des Lyrikers