der, die, das

Autor: Silvan Maaß

der, die, das - Nomen mit 2 und 3 Geschlechtern

Die deutsche Sprache ist bekannt für ihre grammatischen Besonderheiten. Eine davon ist der Gebrauch von Artikeln bei Nomen. Hier werden drei grammatische Geschlechter, auch Genera (Singular: Genus) genannt, unterschieden: Maskulinum, Femininum und Neutrum - also die männliche, weibliche und neutrale Form.

Wichtig: Genus ist eine rein grammatische Kategorie und nicht mit dem biologischen Geschlecht (Sexus) gleichzusetzen. Die Begriffe "männlich", "weiblich" und "neutral" beschreiben hier grammatische Klassen, keine biologischen Eigenschaften.

Artikel wie die bestimmten (der, die, das) oder unbestimmten (ein, eine) Artikelwörter zeigen den Genus eines Nomens an. Sie fungieren dabei als grammatische Marker, die nicht nur den Genus, sondern auch Kasus und Numerus signalisieren und Bezüge im Satz - etwa zu Pronomen - herstellen. Im Prinzip hat jedes Nomen genau einen Genus. Es gibt allerdings auch einige Ausnahmen, bei denen der Artikel je nach Kontext oder Bedeutung variieren kann. Dann spricht man auch von Nomen mit schwankendem Artikelgebrauch oder Genusschwankung bzw. Genusvarianz. Genau hierzu haben wir eine Analyse durchgeführt.

Wann ergeben sich Genusschwankungen?

Genusschwankungen können verschiedene Ursachen haben, die häufig auf komplexen Regeln der Genuszuweisung im Deutschen beruhen. Gründe hierfür können etwa sein:

  • Sprachvarietäten können zu einem schwankenden Artikelgebrauch bei Nomen führen. Meist ist dieser auf Unterschiede der Standardsprache zu einzelnen Dialekten zurückzuführen. Aber auch Unterschiede zwischen der Standardsprache zu Fachsprachen können dafür verantwortlich sein.
    Beispiel: das Auto, im Rheinland auch: der Auto (Dialekt) oder der / das Virus (Fachsprache)
  • Ein Bedeutungsunterschied kann ebenfalls ausschlaggebend für Genusschwankungen sein.
    Beispiel: das Korpus (Sammlung sprachlicher Gegenstände wie Wörter, Sätze oder Texte) und der Korpus (Resonanzkörper eines Saiteninstruments)
  • Wörter, die aus anderen Sprachen ins Deutsche integriert werden, werden naturgemäß an unser Sprachsystem angepasst. Man spricht hierbei von Lehnwörtern. Bei deren Integration findet ein sogenannter Entlehnungsprozess statt, bei dem Nomen einen Artikel bekommen. Genau hierbei kann es zu Schwankungen kommen.
    Beispiel: der / das Blog

Regeln der Genuszuweisung im Deutschen

Die Genuszuweisungsregeln im Deutschen bestimmen, welchem grammatischen Geschlecht (Genus) ein Substantiv angehört. Grundlegend lassen sich die Regeln in das morphologische Prinzip, semantische Prinzip und phonologische Prinzip unterteilen, was nach "Heide Wegener (1995)" auch die Hierarchie bezüglich der Gültigkeit dieser Zuweisungsprinzipien darstellt. Allerdings folgt die Zuordnung nicht immer festen Regeln. Dann ist vom lexikalischen Prinzip die Rede.

  1. Das morphologische Genuszuweisungsprinzip spielt die wichtigste Rolle. Hierbei bestimmt die Endung (Suffix) eines zusammengesetzten Nomens das grammatische Geschlecht (Genus), unabhängig davon, welches Geschlecht das Grundwort hat.
    Beispiel: das Kreuz (neutrum) wird zu die Kreuzung (feminin), die Blase (feminin) wird zu das Bläschen (neutrum) oder die Frau (feminin) wird zu das Fräulein (neutrum). In diesen Fällen überschreibt die Endung das ursprüngliche Geschlecht des Nomens.
  2. Das semantische Prinzip spielt ebenfalls eine wichtige Rolle und orientiert sich an der Bedeutung (Semantik) des Substantivs.
    • Am häufigsten kommt hierbei das sogenannte natürliche Geschlechts-Prinzip (NGP) zum Einsatz. Dieses Prinzip besagt, dass das grammatische Genus in der Regel dem biologischen Sexus entspricht - also dem tatsächlichen Geschlecht eines Lebewesens. Es wird auch Genus-Sexus-Prinzip genannt.
      Beispiel: Nomen, die sich auf weibliche Personen beziehen (die Frau, Dame, Gemahlin), sind in der deutschen Sprache weiblich (feminin). Genauso sind Nomen, die sich auf männliche Personen beziehen (der Mann, Herr, Gemahl), männlich (maskulin).
      Allerdings gilt dieses Prinzip nicht ausnahmslos: So ist "das Mädchen" grammatisch neutrum, obwohl es sich auf eine weibliche Person bezieht. Hier überschreibt das morphologische Prinzip (die Endung "-chen") den Sexus. Ähnliches gilt für "das Weib" (neutrum) oder "die Person" (feminin, unabhängig vom Geschlecht der gemeinten Person). Das NGP beschreibt also eine Tendenz, keine starre Regel.
    • Zudem ist das Leitwortprinzip zu nennen, bei dem Nomen, die assoziativ mit einem anderen Nomen verbunden sind, das Genus der Assoziationsbasis erhalten. Es kommt vor allem bei der Zuweisung eines Genus zu Lehnwörtern zum Tragen.
      Beispiel: Aufgrund der Assoziation zu Kaffee (Artikel: der) erhalten Espresso und Cappuccino ebenfalls den Artikel "der".
  3. Das phonologische Prinzip ist ebenfalls zu nennen. Denn gerade bei einsilbigen Wörtern stößt die morphologische Genuszuweisung an ihre Grenzen. Deshalb spielt der Klang (Phonologie) eine wichtigere Rolle. Forschungen von Klaus-Michael Köpcke (Untersuchungen zum Genussystem der deutschen Gegenwartssprache, 1982) haben gezeigt, dass man mit bestimmten Regeln das Geschlecht von etwa 90 % der einsilbigen Substantive, die im Rechtschreibduden stehen, korrekt vorhersagen kann.
  4. Zudem gibt es viele Nomen im Deutschen, deren grammatisches Geschlecht (Genus) keinem festen Regelwerk folgt. Der Genus dieser Nomen ist arbiträr und lässt sich nicht durch die oben genannten Genuszuweisungsprinzipien erklären. Man spricht in sochen Fällen auch vom lexikalischen Prinzip.
    Beispiel: das Ohr (neutrum), die Nase (feminin) und der Bart (maskulin). Für derartige Nomen gibt es keine klaren Prinzipien, die deren Genus bestimmen.

Analyse: Nomen mit unterschiedlichem Genus

Wir haben uns 1.576* Nomen angeschaut, die unterschiedliche Genera aufweisen und deren Verteilung analysiert. Insgesamt zeigen die Daten, dass Genusschwankungen im Deutschen selten sind und eher die Ausnahme darstellen. Sie betreffen weniger als 1,6 % aller analysierten Nomen. Die Verteilung sah wie folgt aus:

Nomen mit Genusunterschied und gleicher Bedeutung
  1. 786 (der, das) - entspricht 0,72 %
  2. 214 (der, die) - entspricht 0,20 %
  3. 119 (die, das) - entspricht 0,11 %
  4. 0 (der, die, das)
Nomen mit Genus- und Bedeutungsunterschied (Homonymie)
  1. 225 (der, das) - entspricht 0,21 %
  2. 211 (der, die) - entspricht 0,19 %
  3. 69 (die, das) - entspricht 0,06 %
  4. 52 (der, die, das) - entspricht 0,05 %

Am häufigsten variieren demnach das Maskulinum und Neutrum miteinander. Eher selten das Femininum mit dem Neutrum. Nomen mit allen drei Artikeln sind die absolute Ausnahme und machen nur 0,05 % des gesamten Wortschatzes aus.

*Hinweis: Als Datenbasis diente der komplette Wortschatz unseres Wörterbuchs, der aktuell 231.342 Wörter enthält, wovon 108.521 Einträge zum Zeitpunkt der Datenerhebung (April 2023) Nomen waren.

Übersicht aller Nomen samt Artikel

Im Folgenden findet ihr sämliche Nomen, die wir bei der Analyse berücksichtigt haben. Sie wurden in drei Kategorien eingeteilt:

  1. Genusunterschied: Nomen mit zwei Geschlechtern
  2. Genus- und Bedeutungsunterschied: Nomen mit zwei Geschlechtern
  3. Genus- und Bedeutungsunterschied: Nomen mit drei Geschlechtern

Genusunterschied: Nomen mit zwei Geschlechtern

Genus- und Bedeutungsunterschied: Nomen mit zwei Geschlechtern

Genus- und Bedeutungsunterschied: Nomen mit drei Geschlechtern

Über den Autor
Silvan Maaß ist Diplom-Kommunikationswirt (dab) sowie Mitbegründer der Sprachnudel, wodurch er sich seit über 20 Jahren beinahe täglich mit theoretischer und angewandter Linguistik beschäftigt. Die Lebendigkeit der Sprache hat es ihm besonders angetan. Daher interessiert er sich insbesondere für Okkasionalismen und Neologismen - zwei kreative Themenfelder der Linguistikforschung, die in unserer Gesellschaft relevanter denn je sind.
Viele seiner Gedanken und Beobachtungen hat er im Sprachnudel-Magazin verfasst, wo er regelmäßig über sprachliche Phänomene und aktuelle Entwicklungen der deutschen Sprache schreibt.

Deutsch lernen
  • Alles, was ihr zum Deutschlernen braucht - ausführliche Erklärungen, Tipps, Übungen und Ressourcen → Deutsch lernen
Ukraine-Hilfe → Deutsch lernen

Wörter nach Anfangsbuchstabe

A
B
C
D
E
F
G
H
I
J
K
L
M
N
O
P
Q
R
S
T
U
V
W
X
Y
Z
Ä
Ö
Ü
Suchen & Finden
  • Mit Hilfe der Wortsuche oder von unserem Wortfinder lassen sich Wörter nach bestimmten Mustern filtern.
Wörterverzeichnis
  • Nutzt unsere zahlreichen Wortlisten in unserem Wörterverzeichnis, um gezielt deutsche Wörter zu finden!

Statistiken

Stimmen aus der Community
  • Deine Stimme zählt: Hilf mit, die Sprachnudel noch besser zu machen. → Wortmeldung abgeben
Geburtstag

Beliebte Begriffe