Google AI Overviews: Wer haftet, wenn die KI lügt?

22.06.2026 | 4 Min. Lesezeit
von Silvan Maaß in Reality Check
Google AI Overviews: Wer haftet, wenn die KI lügt?

Es ist ein bemerkenswerter Satz. "KI-Antworten können Fehler enthalten" steht in Googles Hinweisen zu AI Overviews. Was auf den ersten Blick nach einem ehrlichen Eingeständnis klingt, ist tatsächlich genau das Gegenteil davon. Es ist ein Disclaimer. Und Disclaimer sind dazu gemacht, Verantwortung zu verschieben, nicht sie zu übernehmen.

Die Antwort, die keine sein will

Wer die Google-Suche heute nutzt sieht etwas Neues ganz oben: KI-generierte Zusammenfassungen, die die gestellten Fragen direkt beantworten, noch bevor die eigentlichen Suchergebnisse kommen. Das sind die sogenannten AI Overviews. Die Quellen der Antworten rücken dabei ins zweite Glied. Was der Nutzer zuerst sieht ist die KI-Antwort. Klicks auf die Quellen bleiben daher in der Regel aus.

Und gleichzeitig sagt Google: Antworten sollten immer überprüft werden.

Das ist ungefähr so, als würde Google Maps bei jeder Abbiegung ansagen: "Biegen Sie jetzt rechts ab, aber prüfen Sie bitte vorher selbst, ob die Straße tatsächlich existiert." Wer das ernst nimmt, der braucht keine Navigation.

Was "immer überprüfen" wirklich bedeutet

Menschen überprüfen keine prominent platzierten Informationen. Das ist keine Faulheit, das ist ein psychologisches Grundprinzip. Wir vertrauen dem, was wir zuerst sehen, was oben steht, was eine Autorität zu sein scheint. Google weiß das vermutlich besser als jedes andere Unternehmen auf der Welt, weil Google die Psychologie des Informationsabrufs jahrzehntelang studiert, gemessen und optimiert hat.

Das Wort "immer" im Disclaimer ist also weniger Anweisung als Fiktion. Eine Anweisung, die niemand befolgt, ist kein Sicherheitshinweis. Sie ist Absicherung.

Ein Geschäftsmodell, das sich selbst aushöhlt

Googles ursprüngliches Versprechen lautete ungefähr so: Wir zeigen euch, wo gute Informationen stehen. Klickt dort. Lest selbst. Wir organisieren das Netz, wir ersetzen es nicht.

AI Overviews machen genau das Gegenteil. Sie halten Nutzer auf Google und ersetzen den Klick auf externe Quellen. Das ist aus Nutzersicht manchmal praktisch und aus Sicht aller Webseitenbetreiber ein Schreckensszenario. Denn der Traffic bleibt aus, die Inhalte aber werden als Trainings- und Quelldaten für genau die KI genutzt, die den Besuch auf der Originalseite überflüssig macht. Google verdient damit Geld, aber eine Vergütung der Webseitenbetreiber gibt es bislang nicht.

Das Modell funktioniert für Google also perfekt. Nur juristisch eben nicht.

München, Mai 2026

Am 28. Mai 2026 hat das Landgericht München I entschieden, dass Google für unwahre Behauptungen in KI-generierten Suchzusammenfassungen direkt haftet (Az. 26 O 869/26). Der entscheidende Punkt: Google gilt bei AI Overviews nicht als neutraler Vermittler, der Inhalte Dritter weiterreicht, sondern als aktiver Verbreiter. Die üblichen Haftungsprivilegien für Suchmaschinen greifen nicht.

Der Disclaimer schützt also nicht, wenn jemand durch eine falsche KI-Antwort konkret geschädigt wird. Das ist keine Kleinigkeit. Es bedeutet, dass das gesamte Konstrukt, prominent platzierte KI-Antwort oben, Haftungsausschluss irgendwo im Kleingedruckten, juristisch nicht trägt.

Das Münchner Urteil sagt im Kern: Wer die Bühne baut und den Scheinwerfer kontrolliert, kann nicht behaupten, mit dem Stück nichts zu tun zu haben.

Transparenz, die keine ist

Es gibt einen Unterschied zwischen einer Warnung und einem Freifahrtschein. "Dieses Messer ist scharf" warnt. "Verletzungen durch unsachgemäßen Gebrauch liegen in der Verantwortung des Nutzers" entlastet den Hersteller.

Google macht das Zweite und nennt es das Erste.

"KI kann Fehler machen" klingt nach Offenheit. Aber es schränkt das Produkt nicht ein, es verändert die Platzierung nicht, und es zieht keine Konsequenzen aus bekannten Schwächen. Wenn ein Pharmaunternehmen ein Medikament auf den Markt brächte mit dem Hinweis "Dieses Produkt kann und wird Nebenwirkungen haben, bitte konsultieren Sie immer einen Arzt", und trotzdem mit dem Medikament wirbt als wäre es die beste Option, würde das auffallen. Bei Google fällt es weniger auf, weil es halt die Suche ist, und weil wir die Suche schon so lange nutzen, dass wir aufgehört haben, sie zu hinterfragen.

Was ein ehrliches System täte

Es gibt Fragen, bei denen eine KI-generierte Schnellantwort nahezu risikolos ist. Wie warm wird es morgen? Wann wurde der Berliner Dom gebaut? Wie buchstabiert man "Parallele"? Fehler dort sind ärgerlich, aber harmlos.

Anders sieht es aus bei medizinischen Fragen, bei rechtlichen Themen, bei Finanzentscheidungen. Hier ist das Schadenspotenzial real. Ein ehrliches System würde an genau solchen Stellen sagen: Hier führen wir euch zur geprüften Quelle, nicht daran vorbei. Nicht aus Bescheidenheit, sondern weil das die einzige Variante ist, bei der Vertrauen langfristig funktioniert.

Und ein ehrliches System würde die Frage beantworten, die bisher niemand laut stellt: Was ist den Webseitenbetreibern geschuldet, deren Inhalte die Grundlage für all diese Antworten bilden? Ihr Content wird verwendet, ihr Traffic aber bleibt aus. Solange dafür weder eine Vergütung noch ein fairer Ausgleich existiert, ist das Modell nicht nur juristisch wackelig, sondern auch strukturell unehrlich.

Die Pointe

Googles Aussagen sind nicht gelogen. KI macht tatsächlich Fehler. Antworten sollten tatsächlich überprüft werden. Beides stimmt.

Aber Wahrheit, die so verpackt ist, dass sie Verantwortung normalisiert ohne sie zu übernehmen, ist keine Transparenz. Sie ist kommunikative Teflon-Beschichtung, an der nichts haften soll.

Das Landgericht München hat diese Beschichtung für unwirksam erklärt. Wer KI-Antworten an prominentester Stelle als Primärquelle platziert, übernimmt damit Verantwortung für ihren Inhalt. Kein Kleingedrucktes ändert das. Das Urteil ist allerdings noch nicht rechtskräftig. Google kann Berufung einlegen.

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